Champagner-Case
MBA-Schulen setzen weiterhin auf Fallstudien

Mit Fallstudien simulieren MBA-Schulen die Wirtschaft. An ihnen lernen die Studenten, Theorien anzuwenden, Entscheidungen zu diskutieren und zu treffen. Auch wenn diese Case-Studies im Zuge der Krise massiv kritisiert wurden, weil sie realitätsfern seien, sind sie aus dem Repertoire der Business Schools kaum mehr wegzudenken.
  • 0

Doch wie entsteht eigentlich eine Fallstudie? Nicolas Kfuri, der an der Gisma Business School, der Reims Management School und anderen Schulen lehrt, bastelt gerade an seinem dritten Fall und beschreibt, wie aus einem Problem einer Winzergemeinschaft im berühmten französischen Anbaugebiet Champagne eine Studie für die Studenten wird.

Die Winzer stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Zu einer Art Kooperative zusammengeschlossen, verkaufen sie ihre Trauben an die großen Champagnerhersteller mit den renommierten Namen. Das Geschäft sichert ihnen den Lebensunterhalt, die großen Produzenten wiederum sind auf die Winzer angewiesen, da sie die Mengen an Champagner nur mit deren Trauben herstellen können. Die besten Trauben kaufen sie allerdings nicht, die sind ihnen zu teuer.

Aus genau diesen Trauben produzieren die Winzer nun seit ein paar Jahren ihren eigenen Champagner. Ein Geheimtipp, der von Kennern gelobt werde, den die Experten sogar als besser einschätzten als die Tropfen der großen Marken, sagt Kfuri. Der eigene Tropfen kostet dennoch nur 18 Euro, etwa 30 Euro weniger pro Flasche als die große Marke.

Die Winzer sind in der Klemme: Sie würden ihren Champagner gern bekannter machen, mehr davon verkaufen. Doch viele Kunden kaufen noch immer nach dem Motto „Was teuer ist, ist auch gut“ und greifen zudem zur bekannten Marke. Der eigene, günstigere Champagner fällt bei ihnen also durch. Doch aggressiv vermarkten können sie den Tropfen nicht, ihre Kunden – die großen Champagnerhersteller – wären wenig erfreut. Was also tun? Den Preis erhöhen, um das Spiel „Teuer ist gut“ mitzuspielen, oder hoffen, dass sich die Qualität auch so herumspricht? Sollen sie eine Nischenstrategie fahren oder doch auf den Massenmarkt setzen? Das ist am Ende die Aufgabe für die Studenten.

Nachdem sich seine ersten zwei Fallstudien noch um Autos drehten, hat sich Marketingprofessor Kfuri nun einem Glamourfall verschrieben. „Das finden doch auch die Studenten interessanter“, sagt er. Label, Flaschendesign, Glamour – Marketingtools sind hier wesentlich wichtiger als in anderen Geschäftszweigen. „Man kann hier den Kunden sehr leicht manipulieren, das ist der ethische Teil der Studie“, sagt Kfuri. Er kennt das Champagnergeschäft, hat schon einige Winzer und Hersteller besucht. Der Kontakt zur Winzervereinigung kam über seine Tätigkeit in Reims, die Winzer haben ihren Sitz in der Nähe.

Seite 1:

MBA-Schulen setzen weiterhin auf Fallstudien

Seite 2:

Kommentare zu " Champagner-Case: MBA-Schulen setzen weiterhin auf Fallstudien"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%