Chancen werden oft zu hoch eingeschätzt
Arbeitslose in Nadelstreifen

Nach sechs Monaten sind Manager ohne Job nicht mehr hoffähig – das belegt eine Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Damit ist Deutschland eines der härtesten Pflaster für Führungskräfte mit Auszeit.

DÜSSELDORF. Bis zur Marketing-Managerin hatte sich Sabine Lorenz in einem internationalen Chemiekonzern hochgearbeitet. „Mit Schweiß und Tränen habe ich mir die Position erkämpft“, erzählt die 42-Jährige. Im Frühjahr 2004 dann nach 13 Jahren das jähe Aus – ihr Produktbereich verkauft an eine US-Firma. Ihre Position wird es fortan nicht mehr geben, hieß es lapidar. Zwei Alternativen bot der Konzern an – beide weit unter ihrem Niveau. Schweren Herzens unterschrieb Lorenz im Juli den Aufhebungsvertrag. „Ich hatte da keine Zukunft mehr.“

Auch Erhard Hafner hatte es weit gebracht: Als deutscher Alleingeschäftsführer eines europäischen Baustoffunternehmens trug er Verantwortung für 500 Mitarbeiter. Plötzlich wendete sich die Unternehmensstrategie, konsterniert bot er vor knapp zwei Jahren seinen Rücktritt an. „Ich war immer sehr erfolgreich und dachte, ich finde morgen gleich etwas Neues“, erinnert sich der 43-jährige Bayer. Doch es kam anders: „Plötzlich stand ich vor dem Nichts.“

Erfahrungen wie diese müssen immer mehr erfolgsverwöhnte Manager und selbst Top-Manager machen. Die Entlassungswellen rollen längst nicht mehr an den Chefetagen vorbei. Selbst dann nicht, wenn das Unternehmen satte Gewinne einfährt. Nicht nur in den Türmen der Deutschen Bank bangen Führungskräfte dieser Tage um ihr berufliches Überleben. Ärzte aus dem Frankfurter Bankenviertel berichten, dass immer mehr Banker zu ihnen kommen, die Anti-Depressiva brauchen: Die einen, weil sie vor einer Kündigung zittern. Die anderen, weil sie die Stelle schon verloren haben.

Über Manager ohne Job schweigt sich jede Statistik aus. Anhaltspunkte liefert lediglich die Arbeitslosenquote von Akademikern. Die liegt zwar mit 4,6 Prozent (2003) relativ niedrig, sie ist jedoch seit 2000 um über 50 Prozent drastisch gestiegen. Inzwischen machen arbeitslose Akademiker über 44 Jahren – also die potenziellen Führungskräfte – mehr als 40 Prozent der Betroffenen aus. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor waren es erst 26 Prozent. Doch viele Manager mit Kündigung tauchen in der Statistik gar nicht erst auf: Sie kommen vor Ablauf der relativ langen Kündigungsfrist mehr schlecht als recht irgendwo unter. Oder sie schlagen sich als Selbstständige gerade so durch. Die etwas Glücklicheren von ihnen sind mit Beraterverträgen herauskomplementiert worden.

„In den letzten drei bis vier Jahren ist eine breite Schicht im Mittelmanagement von Arbeitslosigkeit betroffen“, bestätigt Jörg Will, Chef der Personalberatung Ifp in Köln. Auch für Personaler eine neue Situation. Wie Unternehmen arbeitslose Führungskräfte betrachten und was sie von ihnen als Bewerber erwarten, hat jetzt das Zeitarbeitsunternehmen Randstad aus Eschborn untersucht. 331 Personalentscheider deutscher Unternehmen standen Rede und Antwort – dem Handelsblatt liegt die Studie exklusiv vor.

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