China-Boom
Wenn die Meeresschildkröten zurückkehren

Glänzende Karriereaussichten locken immer mehr gut ausgebildete Chinesen aus Übersee in die Heimat zurück. China profitiert von ihrem Kapital und ihren Kenntnissen. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB SCHANGHAI. Cha Li nippt genüsslich an seiner Tasse Jasmintee. Sein Schreibtisch ist leer bis auf Laptop und Handy, an der Wand hängen neben dem Schwert eines chinesischen Kaisers diverse Golf- und Tennisschläger, im Hintergrund läuft eine Sonate von Mozart. Cha Li hat es sichtlich geschafft. Er ist wohlhabend, er hat einige Unternehmen gegründet, er beschäftigt 1 000 Mitarbeiter. Und ganz nebenbei wird er nun einen Sammelband mit seinen eigenen Gemälden veröffentlichen. Aus alter Liebe.

Leute wie Cha Li nennt man in China „Meeresschildkröten“. „Heimkehrer“ heißen auf Chinesisch „hai gui“. „Hai“ bedeutet „Meer“, „gui“ heißt „zurückkehren“, aber auch „Schildkröte“. Remigranten sind also wie Meeresschildkröten: Sie werden am Ufer (in China) geboren, wachsen im Meer (in Übersee) auf, kehren aber schließlich wieder ans heimische Ufer zurück.

Sie haben nach der Kulturrevolution im Ausland studiert, sie haben es dort zu etwas gebracht. Und jetzt, in Zeiten der Liberalisierung, kehren sie wieder zurück und befeuern den chinesischen Kapitalismus mit ihrem Geld und ihren Ideen. Von den rund 580 000 Auslandsstudenten sind bislang mehr als 150 000 zurückgekehrt. Und die Zahl der Remigranten nimmt nach amtlichen Statistiken jedes Jahr zu: So gab es im Jahr 2002 etwa 18 000 Heimkehrer und damit etwa doppelt so viele wie im Jahr 2000.

Cha Lis Leidenschaft waren immer Kunst und Malerei – und tatsächlich bestand er 1977 die Aufnahmeprüfung an der renommierten Nationalen Hochschule für bildende Künste in Hangzhou. Doch eine Woche vor seinem Abschluss wurde er zur Umerziehung aufs Land geschickt. Seine Zeichnungen waren „zu modern“. Nach drei Jahren Arbeitslager ergatterte er in Schanghai ein Stipendium des British Council für ein Kunststudium in London.

Das war seine große Chance. Er erinnert sich: „1984 war China ein dunkler Ort.“ In dem obligatorischen Vorbereitungsseminar vor seiner Ausreise zeigte man ihm einen Furcht einflößenden Film, in dem die Einwohner Londons mit Gasmasken herumliefen – angeblich zum Schutz gegen die hohe Luftverschmutzung. „In Panik versuchte ich noch vor meinem Abflug eine Gasmaske aufzutreiben. Bei meiner Ankunft in London stellte ich dann völlig erstaunt fest, dass alles gar nicht stimmte.“

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