Der amerikansiche Branchenprimus will den deutschen E-Recruiting-Markt erobern
Online-Stellenmärkte: Monster greift an

Die deutschen Online-Jobbörsen versuchen, entweder Nischen zu besetzen oder in die Personalberatung vorzustoßen. Wer sich gar nicht bewegt, hat gegen Monster, den großen Konkurrenten aus den USA, keine Chance.

DÜSSELDORF. Schlagzeilen machte die Jobpilot AG zuletzt am 12. April, Gründonnerstag: Der Kurs des am Neuen Markt notierten Unternehmens schoss um 340 Prozent auf 8,50 Euro, nachdem ein Händler vergeblich versucht hatte, 1 750 Aktien zu kaufen. Ein Strohfeuer, an dem sich viele Kleinanleger, die zu Kursen um 8 Euro einstiegen, die Finger verbrannten. Denn nach wenigen Stunden brach die Aktie wieder ein. Heute steht sie bei 5 Euro – kein stolzer Preis für ein Papier, das zur Börseneinführung im April 2000 noch 23 Euro gekostet hatte.

Der Börsengang ist Jobpilot, einem der größten deutschen Online-Stellenmärkte, schlecht bekommen. Zwar hat sich der Umsatz von 10,1 Millionen Euro im Jahr 1999 auf 33,5 Millionen im Jahr 2000 mehr als verdreifacht, doch zugleich sackte das operative Ergebnis von - 4,8 Millionen Euro auf - 31,3 Millionen Euro ab. Da klingt es wie Pfeifen im Walde, wenn Roland Metzger, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Jobpilot, sagt, sein Unternehmen werde im vierten Quartal 2001 aus den roten Zahlen auftauchen.

Rechnung der Online-Anbieter ging nicht auf

Veröffentliche Stellenanzeigen für ein paar hundert Mark im Internet und du gräbst den Tageszeitungen, die viele Tausend verlangen, das Wasser ab – diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Mit dem Stellenteil der FAZ kann man noch immer nasse Schuhe im Dutzend ausstopfen. Deshalb haben sich viele Online-Jobbörsen, auch Jobpilot, weiterentwickelt: „vom reinen Online-Stellenmarkt hin zum Karriereportal“, wie Metzger sagt. „Wer nur noch Anzeigen ins Netz stellt, hat diese Entwicklung verpasst. Die Unternehmen wollen einen Recruiting-Partner, der ihnen die richtigen Kandidaten vorschlagen kann.“

Im Branchenjargon heißt das E-Recruiting: online-gestützte Personalsuche in eigenen Bewerberdatenbanken plus Bewerbervorauswahl. Doch auch damit ist es nicht getan: „Die Online-Stellenmärkte der dritten Generation werden sich über den Portalcharakter hinaus als echte Personalberatungen qualifizieren müssen“, meint Randolph Vollmer, der Gründer und Geschäftsführer von Jobware .

Für die Bewerber haben sich die Jobbörsen ebenfalls eine Menge Sinniges wie Unsinniges einfallen lassen: Stellenangebote per WAP-Handy, Online-Chats mit Karriereberatern, Vorstellungsgespräche via Web-Cam. Alles dient dem Ziel, Nutzer anzulocken und dazu zu bewegen, ihr Qualifikationsprofil in der Datenbank abzulegen.

400 deutsche Online-Jobbörsen - und alle verkaufen das Gleiche

Mehr Service, mehr Nutzer, mehr Profile, mehr Unternehmen, die für die Profile zahlen – eigentlich müsste das Geschäft brummen. Das Problem ist nur, dass es zu viele Anbieter gibt, die alle das Gleiche verkaufen. Rund 400 deutsche Online-Jobbörsen hat der Internet-Informationsdienst Crosswater Systems gelistet und nach der Zahl der Stellenangebote sortiert.

Einsam an der Spitze, als staatlicher Anbieter aber außer Konkurrenz, steht Arbeitsamt Online mit 330 000 Stellenangeboten. Es folgen Versum , ein im vergangenen Jahr von zehn Verlagsgruppen gegründeter Internet-Anzeigenmarkt für Tageszeitungen mit 62 000 Jobs, und Jobpilot mit 26 000 Jobs.

Erst auf Platz 22 rangiert ein Anbieter, vor dem nicht nur seines Namens wegen die Branche zittert: Monster, mit 480 000 Offerten der größte Online-Stellenmarkt der Welt. In seiner Heimat, den USA, hat Monster bislang zehn Millionen Bewerberprofile eingesammelt. Bis Mitte dieses Jahres sollen es 14 Millionen sein, das wären zehn Prozent aller Erwerbstätigen – eine Art inoffizielles Arbeitsamt. „Dieser Markt ist verteilt“, versichert Gunther Batzke, der Geschäftsführer von Monster Deutschland in Wiesbaden, „da hat kein zweiter Generalist eine Chance.“

Monster bricht auf zu neuen Ufern

Also bricht Monster zu neuen Ufern auf. Ein Jahr nach dem Start in Europa umfasst die Bewerberdatenbank schon 685 000 Lebensläufe, darunter 75 000 von Kandidaten in Deutschland. „Der europäische Markt der Job-Portale steht heute da, wo er 1998 in den USA war: mehrere Generalisten, viele Nischenanbieter und auf der Kundenseite noch viele Unternehmen, die E-Recruiting nicht nutzen“, erklärt Batzke.

Monster hat gute Chancen, diesen Markt so schnell wie in den USA aufzurollen. Denn Monster hat Geld: Im Jahr 2000 erwirtschaftete die Online-Sparte von TMP Worldwide, mit 9 500 Mitarbeitern in 31 Ländern das größte Personalberatungsunternehmen der Welt, 70 Millionen Dollar Gewinn, während die sieben größten Konkurrenten in den USA zusammen 280 Millionen Dollar Miese machten.

Nach dem Marketingplan für Europa sollen 80 Millionen Euro in Print-, TV-, Radio- und Online-Werbung fließen. Wahrscheinlich reicht ein Drittel dieser Summe, um die Konkurrenz sturmreif zu schießen. Finanzielle Nöte, wo man hinschaut, Beispiel Jobline International: Das schwedische Unternehmen, an dessen deutscher Tochter Jobline.de die Holtzbrinck-Gesellschaft Networxs beteiligt ist, muss 150 von 500 Arbeitsplätzen abbauen. Seit dem Börsengang im Oktober 2000 ist die Jobline-Aktie von knapp sechs auf einen Euro abgerutscht.

Jobbörsen-Betreiber sehen noch großes Potenzial

Deutschland-Geschäftsführer Eckhard Köhn glaubt dennoch fest, im ersten Quartal 2002 schwarze Zahlen schreiben zu können. Erst drei Prozent der für Rekrutierung aufgewandten Mittel blieben bei Online-Dienstleistern hängen, „der Kuchen ist also noch groß genug“. Und die Großen der Branche, zu denen sich auch Jobline zählt, würden sich voraussichtlich die größten Stücke abschneiden.

Viele Jobbörsen leben also von Luft und der Hoffnung, dass die Marktstudien – Goldman Sachs: 5,5 Milliarden Dollar europäisches Marktvolumen für E-Recruiting im Jahr 2005 – schon stimmen werden. Derweil protzt Monster mit großkalibrigem Marketing, lässt einen 30 mal 30 Meter großen Monster-Ballon aufsteigen oder sponsort den Super Bowl, das Endspiel im US-Football.

Monsters Markteintritt in Europa wird den großen Kehraus, der seit gut einem Jahr die Branche prägt, beschleunigen. Nische oder Personalberatung – wer keines von beidem ansteuert, droht auf der Strecke zu bleiben. Frank Hensgens, der Marketingchef von Stepstone , glaubt, dass in Europa pro Land zwei oder drei große Jobbörsen überleben werden. Ralf Antzenberger, der Vostandsvorsitzende von Jobs.de sieht in Deutschland Platz für drei bis fünf große Generalisten und maximal zehn kleinere Nischenanbieter.

Zeitungsverlage sind die "große Unbekannte"

Natürlich überlassen die Platzhirsche Monster ihr Revier nicht kampflos. Jobs.de wandelt sich in eine Aktiengesellschaft um und will im Frühsommer an die Börse gehen – sicher auch, um seine Kriegskasse für Übernahmen und Fusionen zu füllen. Von denen hat die Branche bereits einige gesehen: Beispielsweise ist Stepstone bei Job Today eingestiegen, dem Betreiber einer der größten Stellenbörsen für DV-Fachkräfte.

„Der große unbekannte Faktor“ bei dieser Marktbereinigung seien die Zeitungsverlage, so Robert Neubauer, der Geschäftsführer von Consultants.de . Mit Jobversum haben sie ihren eigenen Claim abgesteckt, daneben mischen einige bei Jobbörsen mit: Holtzbrinck bei Jobline, die WAZ-Gruppe bei Stellenanzeigen.de.

Auch Monster hat Hunger. Deutschland-Geschäftsführer Batzke betrachtet praktisch alle Wettbewerber als „reife Übernahmekandidaten. Wir schließen Akquisitionen nicht aus.“ Die Börse glaubt ihm offensichtlich aufs Wort: Bei dem österlichen Kurs-Jo-Jo von Jobpilot war mehrfach Monster als möglicher Investor genannt worden.

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