Der Automobilzulieferer macht erste Erfahrungen mit ausgedehnten Arbeitszeiten
Continental lässt länger arbeiten – ohne Lohnausgleich

Continantel will in einem seiner hannoverschen Reifenwerke, wo immerhin 1 800 Menschen beschäftigt sind, statt 37,5 wieder 40 Stunden arbeiten lassen. Zur Sicherung des Standortes, wie es heißt.

HANNOVER. Continental hat zur Zeit so etwas wie einen guten Lauf. Seit Montag spielt der Automobilzulieferer aus Hannover wieder in der Börsen-Oberliga – nach sieben Jahren der Abwesenheit steht die Aktie wieder im Dax. Passend dazu präsentierte der Konzern ein Spitzenergebnis – da fällt es schwer, mit den Mitarbeitern über ein Thema zu verhandeln, dass die Aktionäre wohl freuen, die Arbeitnehmer aber verärgern wird: Der Konzern will in einem seiner hannoverschen Reifenwerke, wo immerhin 1 800 Menschen beschäftigt sind, statt 37,5 wieder 40 Stunden arbeiten lassen. „Zur Sicherung des Standorts“ wie es heißt. Dazu würden entsprechende Gespräche mit dem Betriebsrat geführt, sagt ein Konzernsprecher. Und er ergänzt, daneben würde auch über andere Maßnahmen, die die Produktivität erhöhen sollen, verhandelt.

Der Automobilzulieferer hat mit dem Thema Erfahrung. Seit 1998 arbeiten rund 300 Beschäftigte in der Contitech-Gesellschaft „Profile GmbH“ 40 Stunden in der Woche. Der Unternehmensbereich sei über Jahre hinweg ein „Sorgenkind“ gewesen, sagt Contitech Personalleiter Holmer Struck. Um die Abteilung wieder aus den roten Zahlen zu führen, einigten sich die Tarifparteien vor fünf Jahren darauf, den für Conti gültigen Tarifvertrag der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) so gut es geht zu nutzen. Danach darf die Arbeitszeit auf 40 Stunden steigen – sofern das Überleben des Betriebs anders nicht gesichert werden kann, sogar ohne dass die Löhne steigen müssen.

Die Öffnungsklausel steht unter dem Vorbehalt, dass sich nicht nur Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf betrieblicher Ebene darüber verständigen, sondern der Vorschlag auch bei den Tarifvertragsparteien, also Gewerkschafts- und Arbeitgeberlager, auf Zustimmung stößt. Und zwar immer wieder: Denn die Arbeitszeitverlängerung gilt nur befristet. Soll das Modell länger als ein Jahr in Kraft bleiben, müssen wiederum die Tarifparteien zustimmen.

Bei Contitech gilt das Modell nun bereits im fünften Jahr. Das stößt in der um die Ecke ansässigen Hauptverwaltung der IG-BCE nicht unbedingt auf Gegenliebe. Es dürfe keine „Freifahrscheine für ewige Zeit“ kritisiert denn auch ein IG-BCE-Sprecher. „Permanentes Lohndumping“ sei nicht Ziel der Öffnungsklausel im Tarifvertrag. Derzeit nutzten an die 50 Betriebe in Westdeutschland die Möglichkeiten zur befristeten Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich, die der Tarifvertrag zulässt.

Personalleiter Struck konnte mit diesem und anderen Instrumenten die Conti-Tochter wieder aus den roten Zahlen führen. Er hält die Flexibilisierung, die der Tarifvertrag ermöglicht, für ausreichend. „Mehr“, sagt er, „kann man nicht verlangen.“

Michael Deister, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender in jenem Conti-Werk, wo jetzt die nächsten Verhandlungen um eine längere Arbeitszeit anstehen, beobachtet das Beispiel Contitech unterdessen mit gemischten Gefühlen. Seine Kollegen würden eine Arbeitszeitverlängerung ebenfalls mittragen, schätzt er. Allerdings nur wenn auch genügend Aufträge vorhanden seien, um die gewonnene Arbeitszeit zu füllen. Die angepeilte Verlängerung um 6,6 % dürfe nämlich nicht dazu führen, dass gegebenenfalls Personal im gleichen Umfang entlassen werde.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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