Der Expertenstab
Die Souffleure der Vorstände

Hinter der Bühne einer Hauptversammlung bastelt ein Expertenstab blitzschnell an wasserdichten Antworten. Controller, Bilanzbuchhalter, Rechtsberater, Ein- und Verkäufer. Machen sie Fehler und der Versammlungsleiter reagiert deshalb falsch, drohen massenweise Anfechtungs- und Nichtigkeitsklagen.

DÜSSELDORF. Er sieht harmlos aus, wie er kurz vor zehn, die Aktentasche unterm Arm, eine Brezel mampfend und grinsend, in den Saal schlendert. Aber Hildegard Ziemons weiß, der Schein trügt. Der Anzugträger ist Aktionär und hat seine Aktenmappe gefüllt mit fiesen Fragen, mit denen er den Vorstand zur Verzweiflung und den Saal zum Kochen bringen will – wenn Ziemons es nicht schafft, ihn zu stoppen. Doch genau darauf hat sie als Anwältin seit Wochen hingearbeitet – und mit ihr das gesamte Backoffice-Team.

Bis zu 80 Mann schuften im Hinterzimmer einer Jahreshauptversammlung und weitere 20 auf Abruf vor ihren Bildschirmen: Controller, Bilanzbuchhalter, Rechtsberater, Ein- und Verkäufer. Machen sie Fehler und der Versammlungsleiter reagiert deshalb falsch, drohen massenweise Anfechtungs- und Nichtigkeitsklagen. So wie im letzten Jahr, als die Aktionäre von Web.de gegen die Beschlüsse der Hauptversammlung (HV) angingen, mit denen der Verkauf des Portalgeschäfts von Web.de an die United Internet beschlossen worden war.

Damit der Vorstand es schafft, hier die Kontrolle zu behalten, hockt an der Schaltstelle zum Podium – wie ein unsichtbarer Marionettenspieler – ein Jurist mit Nerven wie Drahtseile. In Sekundenbruchteilen klopft dieser die Antworten ab, die der Vorstand den Aktionären geben soll. Sind die Antworten korrekt, oder müssen sie umformuliert werden, weil sie die Stimmung im Saal noch mehr aufheizen? Etwa wenn ein Spar- und Entlassungspaket von 30 Millionen Euro beschlossen wird – so wie vor zwei Jahren, als die Aktionäre über das Übernahmeangebot der Continental an die Aktionäre von Phoenix abstimmten. Dann heißt es, Nerven behalten – auch wenn die Sitzung zwei Tage dauert. „Das ist mehr als Juristerei, das ist reine Psychologie“, meint Ziemons, die 44-jährige Partnerin bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle. Sie ist seit 15 Jahren im Geschäft mit der Vorbereitung und Durchführung von HVs.

Dafür holen sich immer mehr Gesellschaften externe Anwälte zur Unterstützung der eigenen Rechtsabteilung. „Vor allem Ausländer, die an deutschen Aktiengesellschaften beteiligt sind, fühlen sich auf schwierigem Terrain oft nur mit deutschen Anwälten sicher“, ist die Erfahrung von Daniela Weber-Reys. Sie ist Partnerin bei Clifford Chance, ebenfalls eine der bekannten Namen im nervenaufreibenden Hauptversammlungsgeschäft, das schon manchen Anwälten einen Herzinfarkt eingebracht hat.

Die HV-Saison, die jetzt beginnt, dürfte besonders heiß werden. „Denn zum ersten Mal gelten die neuen Regeln des Umag – des Gesetzes zur Unternehmensintegrität und Modernisierung des Anfechtungsrechts“, erklärt Laurenz Wieneke, Partner bei Nörr Stiefenhofer Lutz. „Die neuen gesetzlichen Anforderungen sind schon bei der Vorbereitung genau zu beachten“, betont auch Anwältin Weber-Rey. Sonst gibt’s Probleme – etwa wenn die Einladungsfrist zur Hauptversammlung zu kurz gewesen ist.

So mussten manche Unternehmen erstmals bis zu 51 Tagen vorher die Einladungen verschicken. Weil sie die Fristen nicht beachtet hatte, musste Celesio sogar zu einer außerordentlichen HV einladen, um die Satzung zu ändern. Porsche musste zwei Mal einladen, weil bei der ersten Einladung die Teilnahmebedingungen nur unvollständig dargestellt waren.

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