Der geliebten Siesta droht das Aus
Schlaflos in Spanien

Der traditionell lange Arbeitstag in Spanien drückt die Produktivität. Die Regierung will deshalb die stundenlange Mittagsruhe Siesta abschaffen. Doch die Spanier hängen an diesem Lebenswandel, obwohl er auch gefährliche Nebenwirkungen hat.

MADRID. Die quirlige Deutsche Alexandra Klein und ihr spanischer Mann Rodrigo arbeiten gegen die Zeit. Statt, wie es in Spanien üblich ist, mittags ausgedehnt auswärts Essen zu gehen und den Arbeitstag erst gegen 20 Uhr zu beenden, arbeitet die Grafikdesignerin, wie sie es aus der Heimat gewohnt ist: von 9 bis 18 Uhr, eine Stunde Mittagspause inklusive.

Ganz anders die Spanier: Zwar fangen auch die Madrilenen um neun Uhr mit der Arbeit an. Um 11.30 Uhr aber legen sie erst einmal eine entspannte Frühstückspause von einer halben Stunde ein – meist in einer nahgelegenen Bar. Und von 14 bis 16 Uhr ist dann Siesta – das bedeutet in Spanien: Nichts geht mehr. Viele Unternehmen machen sogar bis 17 Uhr dicht, die Geschäfte noch länger. In dieser Zeit ist in den Firmen in der Regel niemand zu erreichen.

Die 36-jährige Alexandra Klein konnte ihren Tag nur gegen den Strom gestalten, weil sie bei der Werbeagentur Nexst ihre eigene Chefin ist, und der Laden auch mit diesen Zeiten sehr gut läuft: „Die Kunden haben sich darauf eingerichtet.“ Aber vielleicht ist das Arbeitsmodell der zweifachen Mutter demnächst schon keine Ausnahme mehr in Spanien.

Denn die Siesta steht auf der Streichliste. Wie die Regierung hat auch der spanische Unternehmerverband Circulo de Empresarios in einem Bericht den Zusammenhang von ausgedehnten Arbeitszeiten und Wettbewerbsverlust angeprangert. Zurecht: Spanien kommt zwar, wie eine Studie der OECD zeigt, auf eine durchschnittliche Arbeitszeit von 1 744 Stunden pro Arbeitnehmer im Jahr – Deutschland auf 1 443. Aber bei der Produktivität bildet das Land das Schlusslicht der Europäischen Union. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Stunde erreicht Spanien nur 79 Prozent der Produktivität der USA, Deutschland kommt immerhin auf 91 Prozent. Auch EU-Kommissar Joaquín Almunia warnt sein Land: „Wir können hier nicht wie auf einer Insel leben und müssen unsere Arbeitszeiten denen in Nordeuropa anpassen.“

Der Deutsche Volkhard Loeffler, Geschäftsführer des Schaumstoffherstellers Trocellen in Spanien, beweist, dass es anders geht. In seiner Fabrik in Madrid praktiziert er bereits seit langem den Arbeitstag ohne ausgedehnte Siesta. Die Verwaltung arbeitet nur bis etwa 17 Uhr, die Produktion in einer Acht-Stunden-Schicht. Von langen dreigängigen Mittagessen, wo auch noch Geschäfte gemacht werden und viel Wein getrunken wird, hält sich Loeffler fern: „Danach kann doch keiner mehr klar denken.“ Gerade im Sommer, bei Temperaturen um die 40 Grad Celsius, lässt die Produktivität nach dem Essen drastisch nach.

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