Der sozialistische Staat ist für private Unternehmer kein guter Ratgeber
Firmengründer sind sich in China selbst überlassen

Fünf Millionen neue Jobs haben Chinas Jungunternehmer im vergangenen Jahr geschaffen. Doch Existenzgründung bleibt mühsam: Obwohl Peking Öffnung gegenüber Neukapitalisten propagiert, blockiert der sozialistische Apparat.

DÜSSELDORF. Chinas Staatspräsident Jiang Zemin werden vom Propaganda-Apparat fleißig Zitate zugeschrieben. Zur langen Serie sozialistischer Bonmots gehört die Feststellung, „die Chinesen sind risikobereit“. Der Spruch wird Jiang als Aufmunterung für Firmengründer ausgelegt. Die haben sich im sozialistischen China zur Jobmaschine entwickelt, die im vorigen Jahr knapp fünf Millionen Arbeitsplätze produzierte. Wie ein Staubsauger nimmt sie hunderttausende entlassener Arbeiter bankrotter Staatsbetriebe auf. Rund 13 Jahre nachdem China private Firmen zuließ und zwei Jahre nachdem das Parlament die Privatunternehmen in der Verfassung auf eine Stufe mit Staatsbetrieben stellte, sind Gründer zum Rettungsring der Reformen geworden.

So weit die Theorie. Die Realität sieht anders aus, wie Ray Tong erzählt, ein 26-jähriger Chinese, der mit einem Prädikatsexamen der renommierten Tsinghua-Universität in Peking bewaffnet vor einem Jahr „Chinese All“ gründete, einen Internet-Verlag, der über 1 000 Bücher im weltweiten Netz veröffentlichte. Obwohl führende Schriftsteller Chinas wie Ba Jing und die Tsinghua-Universität an Chinese All beteiligt sind, muss Ray Tong enttäuscht feststellen, „es gibt kein Privileg für Firmengründer“. Die öffentliche Förderung beschränke sich auf eine handvoll staatlicher Institutionen: „Das kannst du vergessen“, sagt er kurz. Ray Tong, der 1999 am MIT studierte, blitzte bei den Staatsbanken ab, als er einen Kredit für den Firmen-Start aufnehmen wollte. „Ich habe Geld bei Freunden geliehen“, sagt er und lacht, als das Wort Staatsbank fällt. „Unmöglich, dort Geld zu bekommen. Selbst die Risiko-Kapitalgeber wollen Erfolge sehen, bevor sie Geld einschießen“. Ray Tongs Internet-Startup hat in diesem Juni die Gewinnzone erreicht.

Der Managementberater Song Xinyu, ehemals Chef von Roland Berger in Peking, kennt sich mit Firmengründungen gut aus. Song schult in Seminaren pro Monat über 200 chinesische Manager. Er bestätigt den Befund von Ray Tong. „Im vorigen Jahr, vor dem IT-Crash, da gab es noch eine Gründerszene in China“, sagt er. In Boomstädten entlang der Küste – Peking, Shenzhen, Guangzhou und Schanghai – gab es eine regelrechte Internetwelle. Doch die sei jetzt wieder abgeflaut. „Jeder, der drei Seiten vollschreiben konnte, bekam im Jahr 2000 noch Geld von den Venture Capital-Gesellschaften.“

Song, der vor einem Jahr das Beratungs- und Verlags-Unternehmen IZhong gründete, sieht zwei Gruppen von Gründern in China: Aus dem Ausland zurückkehrende Akademiker, die von Städten wie Guangzhou, Schanghai, Peking und Küstenprovinzen wie Zhejiang und Fujian gezielt durch Roadshows in Amerika zurückgelockt würden. Viele Provinzen bieten Rückkehrern, wenn sie Firmen gründen, kostenlose Bürofläche, Lohnsubventionen und Steuerferien. Peking, das im Universitätsviertel Zhongguancun eine High-Tech-Stadt – Chinas Version eines Silicon Valley – aufzieht, bietet heimkehrenden Firmengründern sofort eine Aufenthaltserlaubnis, die sonst wegen der restriktiven Bevölkerungspolitik nur zögerlich für Zuwanderer nach Peking vergeben wird. Wer zurückkehrt und Firmen gründet, darf mehr als ein Kind haben und zahlt an lokalen Schulen weniger Gebühren.

Die zweite Gründergruppe sind Song zufolge Studenten. Als regionaler Schwerpunkt gilt Peking, weil hier nicht nur viele Universitäten sind, sondern die Hauptstadt auch Zentrum für IT, Medien und Biotech geworden ist. Chinas Vorzeigestadt Schanghai sieht dagegen bei den Gründern nicht gut aus. „Das ist die Mentalität“, sagt Song, „die Schanghaier wollen meist ein geregeltes Leben und ein gutes Einkommen ohne großes Risiko“. Schanghai konzentriere die Förderung auf große, multinationale Firmen.

Ein guter Gründerstandort sei dagegen die südchinesische Stadt Shenzhen gegenüber von Hongkong. „Shenzhen ist ein Gründerparadies“, sagt Song. Die Stadt wolle aus dem Schatten der Exkolonie Hongkong heraus treten. Hierfür seien zahllose Vorschriften vereinfacht worden: In Shenzhen dauere die Firmengründung oft nur eine Woche, anderswo Monate. Hinzu kommt, dass Shenzhen jene Industrien puscht, die Chinas Firmengründer bevorzugen: Software, Computer, IT und Biotech. Die Zentralregierung will Shenzhen zum Standort einer Börse für Wachstumswerte machen.

Chinas Gründer müssen allerdings weiterhin kämpfen. Immer wieder erzählen die, die trotzdem Erfolg hatten, eine ähnliche Geschichte. Qiu Jibao aus Zhejiang, der nach der Asienkrise mit Nähmaschinen zum Millionär wurde, musste sich 80 Mark bei Freunden ausleihen, um drei heruntergekommene Häuser zu mieten und darin die ersten Maschinen zu basteln. Der ehemalige Bauer war in den 70er Jahren, als er ein Fahrrad zum Taxi umbaute, wegen „kapitalistischer Umtriebe“ verhaftet worden. Heute dient er der KP als Vorzeige-Unternehmer.

Oder Liu Yonghao, einer der reichsten Privatunternehmer Chinas. Der ehemalige Lehrer verschacherte Armbanduhr und Fahrrad, um mit 200 Mark Chinas erfolgreichste Privatfirma, die Hoffnungs-Gruppe in Sichuan, zu starten. Das Unternehmen wurde mit Tierfutter für Schlachtvieh groß. „Überall fehlt der Schutz von Gesetzen“, sagt Liu. Schlimmer noch: Haben private Firmen viel und schnell Erfolg, legen gierige Bürokraten und eifersüchtige Staatsbetriebe Steine in den Weg. „Ich mußte zahlreiche Kämpfe durchstehen und meine Firma versucht unscheinbar zu bleiben“, sagt Zhou Qingzhi, Chef der Mautstraßenfirma Narada in Schanghai. Zhou, ehemals Angestellter der Kommunistischen Partei, hat in kurzer Zeit ein florierendes Geschäft mit 1 200 Beschäftigten aufgebaut.

Auch nach 20 Jahren Öffnungspolitik in China schlägt Neukapitalisten offene Ablehnung entgegen. Die Ankündigung Jiang Zemins am 1. August zum 80. Geburtstag der KP, jetzt auch private Unternehmer als Mitglieder zuzulassen, hat zu einem offenen Machtkampf geführt. Hardliner mauern gegen den revolutionären Schritt. Da erscheinen Vorstöße wie der des Ökonomen Ni Hongri beim Development Research Centre des Staatsrates, „den Marktzugang für private Unternehmen zu lockern und diskriminierendes Verhalten gegenüber Privatfirmen abzuschaffen“ wie ein Lippenbekenntnis. „Die staatlichen Medien“, sagt Song Xinyu, „thematisieren das Thema kaum. Der sozialistische Staat ist für private Unternehmer kein guter Ratgeber. Firmengründer sind sich selbst überlassen. Ausländische Investoren werden insgesamt besser behandelt als inländische Firmengründer.“

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