Der Staat setzt bei den Beamten durch, was in der Tarifpolitik kaum möglich scheint.
Lohnzurückhaltung einmal anders

In der Theorie funktioniert es ganz einfach: Würden die Beschäftigten in Deutschland fortan für gleiches Geld eine Stunde mehr pro Woche arbeiten, könnten schon binnen weniger Monate rund 60 000 neue Arbeitsplätze entstehen. Die Sozialversicherungsbeiträge könnten sinken, die öffentlichen Haushalte würden entlastet – ein Schub von gut eineinhalb Prozentpunkten mehr Wirtschaftswachstum wäre möglich.

DÜSSELDORF. So hat es kürzlich das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vorgerechnet, und in ähnlicher Form hat es auch CDU-Chefin Angela Merkel gefordert. Längere Arbeitszeiten bei unverändertem Lohn, so das Kalkül, sind sinnvoller als real sinkende Löhne bei unveränderter Arbeitszeit. IW-Arbeitsmarktexperte Hagen Lesch bestätigt: „Im Grunde handelt es sich um ein Modell indirekter Lohnzurückhaltung, das für die Arbeitnehmer weniger schmerzhaft ist und zugleich auch die Konsumnachfrage nicht dämpft.“

Das Problem dabei ist nur: So ein Rezept zur Senkung der Arbeitskosten lässt sich politisch erheblich leichter fordern als durchsetzen, solange die praktische Verantwortung dafür bei den Tarifparteien liegt. Tatsächlich gibt es nur ein großen Arbeitgeber, der das Rezept ohne langes Verhandeln umsetzen kann: den Staat mit seinen insgesamt 1,7 Millionen Beamten. Und der praktiziert es bereits unbeirrt von Partei- und Ländergrenzen mit unnachgiebiger Konsequenz. Dies freilich nicht aus höherer arbeitsmarktökonomischer Einsicht: Wo die Finanznot drückt, ist einfach jedes Mittel recht, um Stellenpläne zusammenzustreichen und Ausgaben zu kürzen.

War noch vor wenigen Jahren für Beamte die 38,5-Stunden-Woche Standard, so haben etliche Bundesländer die Arbeitszeit mittlerweile auf 40 Stunden und mehr erhöht. Zwei aktuelle Beispiele: Hessens Landesregierung fordert den Staatsdienern künftig 42 Stunden ab, Nordrhein- Westfalen hat soeben die Verlängerung auf 41 Stunden beschlossen. Zugleich streichen die Dienstherrn die Ansprüche auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld zusammen.

Im Unternehmenssektor, wo eine Arbeitzeitverlängerung ohne Lohnausgleich am ehesten unmittelbar mehr Jobs schaffen könnte, ist derlei jedoch wenig realistisch, gesteht auch IW-Ökonom Lesch zu: „Die Erfahrungen mit der Tarifpolitik zeigen, dass eine Arbeitszeitverlängerung allenfalls im Rahmen von Paketlösungen möglich sein wird.“ Ein Verhandlungspaket, in dem sich die Arbeitgeberseite längere Regelarbeitszeiten mit Zuschlägen beim Lohn erkaufte, würde freilich dem Kern der Idee gerade nicht gerecht.

Das erklärt, weshalb die Arbeitgeberverbände der Idee pauschaler Arbeitszeitverlängerungen mit Skepsis begegnen und eher auf eine weitere Flexibilisierung der tarifvertraglichen Vorgaben setzen – damit sich nicht nur teure Überstundenzuschläge sparen lassen, sondern zugleich die Spielräume für eine effiziente Betriebsorganisation weiter wachsen. Arbeitszeitverlängerungen mit Lohnausgleich sind ist freilich bereits heute in unterschiedlichen Varianten sowohl in der chemischen Industrie, als auch in der Metall- und Elektroindustrie möglich.

Der Chemietarifvertrag erlaubt es den Betrieben seit gut 15 Jahren, ihre Arbeitszeit in einem Korridor von 35 bis 40 Stunden festzulegen. Wer länger arbeitet, hat auch Anspruch auf mehr Lohn – sofern diese Option nicht mit anderen Öffnungsklauseln im Tarifvertrag verknüpft wird, wie vor einiger Zeit bei Continental.

Für Metaller gilt zwar grundsätzlich die 35-Stunden-Woche. Doch zugleich sieht die aus den 80er-Jahren stammene Regelung vor, dass die Arbeitszeit je nach Tarifbezirk für 13 bis 18 % einer Belegschaft auf 40 Stunden festgesetzt werden kann – ebenfalls bei entsprechend mehr Lohn. Einig sind sich Arbeitgeber und IG Metall, dass eine solche Prozentregelung nicht der Weisheit letzter Schluss ist: Gliedert ein Unternehmen einen Betriebsteil aus, kann damit das gesamte Arbeitszeitgefüge durcheinander geraten.

„Ein typischer Tarifkompromiss“, räumt Jörg Hoffmann, Tarifexperte und designierter Bezirksleiter der Südwest-IG-Metall ein. Bereits im Jahr 2000 haben die Tarifparteien vorbereitende Verhandlungen über eine Reform aufgenommen, die ganz neue Flexibilitätselemente enthalten könnte. „Eine Debatte um pauschale Arbeitszeitverlängerungen macht solche Gespräche aber nicht leichter“, warnt Hoffmann.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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