Deutsche im Ausland
Von jetzt auf gleich auf der Straße

Für viele junge Akademiker gehört der berufliche Auslandsaufenthalt unbedingt zum Lebenslauf. Dass ein solcher Schritt jedoch zur Karrierefalle, ja sogar existenzbedrohend werden kann, übersehen viele. Drei deutsche Akademiker schildern, wie ihr Leben zusammenbrach, als sie in den USA, in Dubai und in der Schweiz ihre Stelle verloren.
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DÜSSELDORF. Mit einem Fax aus Deutschland platzte Silke Barz? amerikanischer Traum. Die junge Betriebswirtin aus der Nähe von Wismar, die seit zwei Jahren die Produkte eines badischen Mittelständlers von Richmond im US-Bundesstaat Virginia aus vermarktete, ging wie jeden Morgen ins Büro mit den sechs netten Kollegen am Rande der City. Doch an diesem Tag lief alles anders als geplant.

Überraschend wurde die 28-Jährige von ihrem Chef in das Besprechungszimmer gerufen, wo ihre Kollegin aus der Buchhaltung schon als Zeugin wartete. Und wo Silke Barz? Vorgesetzter dann der Marketingmanagerin ihre aus der deutschen Firmenzentrale gefaxte Kündigung vorlas. "Damit stand ich von jetzt auf gleich auf der Straße - ohne jede Begründung."

Von diesem Moment an lief für Barz der Countdown: Ohne Job blieben ihr nur noch 30 Tage, um Amerika zu verlassen und nicht in die Illegalität abzurutschen. "Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich leer und gleichzeitig überschlugen sich meine Gedanken, denn es gab so viel zu organisieren." Barz verscherbelte ihren gebrauchten Ford, verschenkte ihre Möbel, wand sich aus ihrem einjährigen Mietvertrag. Alles in allem ein finanzielles Desaster. Ihre gesamten Ersparnisse büßte sie ein. Gerade mal den Heimflug bezahlte ihr der Ex-Arbeitgeber noch.

Es war die erste feste Stelle für die Absolventin der FH Lüneburg gewesen. Bei ihrem US-Praktikum hatte die engagierte Studentin überzeugt. "Wenn du mit dem Studium fertig bist, komm unbedingt wieder", hatte ihr Chef damals gesagt. "Das war Musik in meinen Ohren, denn ich wollte ja am liebsten für immer in den USA leben und arbeiten." Dass Barz? Visum jedoch keine unbefristete Greencard, sondern an den guten Willen ihres Arbeitgebers gebunden und auf fünf Jahre befristet war, verdrängte die Diplom-Kauffrau, als sie 2006 mit zwei Koffern in das Land ihrer Träume aufbrach.

Diese Haltung ist typisch für viele junge Akademiker, die es ins Ausland zieht. Für sie gehört der berufliche Auslandsaufenthalt unbedingt zum Lebenslauf. Dass ein solcher Schritt jedoch zur Karrierefalle, ja sogar existenzbedrohend werden kann, übersehen viele. Denn in den meisten Ländern der Erde gibt es keinen ausgeprägten Kündigungsschutz wie in Deutschland. Sondern dort lassen sich Mitarbeiter jederzeit vor die Tür setzen - ohne Angabe von Gründen, Rücksicht auf soziale Fairness und finanzielle Hilfe. Und noch schlimmer: In etlichen Ländern heißt es pauschal: "ohne Job keine Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer".

Das hat zum Beispiel auch Nora Rath erlebt. Die Münchenerin ging 2007 nach Dubai. Ein großer deutscher Konzern, für den sie vorher in der Zentrale gearbeitet hatte, lockte die Projektmanagerin mit einem gut dotierten, lokalen Vertrag in das Glitzeremirat. "Doch im November 2008 wurde mein Job von Dubai in ein Niedriglohnland verlagert. Mein Arbeitgeber sagte mir von heute auf morgen: ,Tschüss!´"

Urplötzlich sah sich die Deutsche Gesetzen unterworfen, die besagten, dass die zuvor willkommene Gastarbeiterin ohne Anschlussvertrag innerhalb von 30 Tagen das Scheichtum am Golf zu verlassen oder empfindliche Strafen zu befürchten habe. So zog die heute 40-Jährige überstürzt nach Hause zurück. "Hier bekomme ich aber nicht mal Arbeitslosengeld, weil ich über ein Jahr lang nicht eingezahlt habe. Die 14 Jahre, die ich zuvor schon in Deutschland gearbeitet habe, zählen nicht", sagt die Arbeitssuchende. Schadenersatz für den vorzeitigen Jobverlust, entgangenes Einkommen und den zugemuteten Stress? Ebenfalls Fehlanzeige.

Aber das ist beileibe kein Phänomen exotischer Nationen wie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch in der Schweiz sieht die Situation nicht besser aus. Ganz im Gegenteil. "Der Kündigungsschutz der Eidgenossen ist ähnlich gering wie in den USA", sagt Tobias Pusch von der auf internationales Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Pusch Wahlig Legal in Berlin. Der Jurist fährt fort: "Verschärfend kommt in der Schweiz hinzu, dass für unrechtmäßig Gekündigte keine hohen Schadenersatzforderungen drin sind."

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  • @hans: Der Wunsch ins Ausland zu gehen, hat nicht immer was mit Geldgier zu tun. Oftmals erhält man weit weniger Gehalt als man es in Deutschland erhalten würde. Man sollte also nicht einfach so pauschalisieren...wie es einige Leute tun.

  • Der Artikel gibt leider nicht die ganze Wahrheit wieder. Die beispiele bezogen sich auf deutsche Firmen in den USA, UAE bzw. Schweiz. Kündigung ist in jedem Land inzwischen ein Problem für Arbeitnehmer. im Ausland wirkt sich die Kündigung leider etwas gravierender aus. Werden Auslandsaufenthalte oder Auswanderung gut geplant, läßt sich mit etwas Glück und Taktik in 30 Tagen eine Stelle für gutausgebildete Akademiker finden. Und jeder weiß doch eigentlich, daß die Anstellung in D von Jahr zu Jahr schwieriger wird und die Altersarmut selbst von Akademikern traurige Realität sein wird. ich jedenfalls habe meine Auswanderung nicht betreut mit meinen 47 Jahren !

  • Guten Tag,......warum in die Ferne schweifen. Gehen sie nach Luxemburg, da sind Mobbing und Rausekeln an der Tagesordnung. Kein Wunder die Gewerkschaften sind gekauft. besten Dank.

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