Die meisten Unternehmen müssen den Gürtel enger schnallen
MBA-Absolventen in der Warteschleife

Bis vor kurzem überschlugen sich die Beratungsunternehmen bei ihren Bemühungen, MBA-Absolventen als Mitarbeiter zu gewinnen. Jetzt aber halten sich Bain, Booz Allen & Hamilton, McKinsey und andere sehr zurück.

Unternehmensberater scheinen bei der Vorhersage der Wirtschaftsentwicklung auch kein glücklicheres Händchen zu haben als andere: Viele Beraterfirmen, die noch im vergangenen Herbst an den Business Schools eilig neue Mitarbeiter rekrutiert haben, treten jetzt auf die Bremse, da auch sie vom Konjunkturabschwung erfasst werden.

Der Engpass in Europa ist nicht so schwerwiegend wie in Amerika, wo einige Beratergesellschaften mit massiven Entlassungen reagiert haben. Aber das Geschäft hat sich bei einigen europäischen Firmen so dramatisch verlangsamt, dass “eine Menge Leute herumsitzen und Däumchen drehen“, wie es ein in London ansässiger Berater ausdrückt.

Führende Unternehmen wie McKinsey, Bain oder Booz Allen & Hamilton haben mit einem zu hohen Personalbestand zu kämpfen. Bisher hat es in Europa zwar nur wenige Entlassungen gegeben, aber die Unternehmen stellen kaum noch ein. Und zukünftige Angestellte werden zudem gebeten, ihren Arbeitsbeginn um bis zu sechs Monate zu verschieben.

Nicht überall stößt Verschiebung auf Begeisterung

In der Pariser Niederlassung von Booz Allen & Hamilton werden frisch gebackene MBA-Absolventen, denen die Berater Ende des vergangenen Jahres einen Arbeitsplatz angeboten hatten, aufgefordert, ihre neue Stelle erst im Januar oder Februar anzutreten anstatt wie ursprünglich geplant schon im August oder September.

Von den 25 Leuten, an die Booz mit der Aufforderung herangetreten war, hat rund die Hälfte zugestimmt, ihren Eintritt ins Arbeitsleben zu verschieben. Andere haben dagegen abgelehnt. „Einige haben uns sehr negative Botschaften zukommen lassen“, sagt Eric Pelletier, in Paris Vice President des Unternehmens. „Die Studenten sagen: Hört mal zu, Jungs, ich muss meine Schulden zurückzahlen.“

Auch McKinsey hat einige künftige MBA-Absolventen aufgefordert, erst im kommenden Jahr anzufangen, besonders in Städten wie London, wo sich die Konjunkturverschlechterung bisher deutlicher ausgewirkt hat als auf dem Kontinent. Nach Angaben von McKinsey sind rund zehn Prozent der Hochschulabgänger, die eigentlich ihren Job in diesem Herbst antreten sollten, damit einverstanden gewesen, ihre Arbeit erst im nächsten Jahr aufzunehmen. Darüberhinaus wird die Unternehmensberatung in diesem Jahr in Großbritannien keine Einstellungen mehr vornehmen und zieht nur Kandidaten für das Jahr 2002 in Betracht.

Nicht überall wird der Gürtel enger geschnallt

In anderen Niederlassungen von McKinsey ist der Engpass nicht so deutlich zu spüren – jedenfalls bis jetzt noch nicht. Der 26-jährige Pedro Carvalho, der im Juli seinen Abschluss an Insead, einer der drei führenden Business Schools in Europa, machen wird, wird im September in der Lissabonner Niederlassung der Firma beginnen. Aber von den etwa zehn Studienkollegen, denen McKinsey einen Arbeitsplatz angeboten hat, ist er seiner Einschätzung nach der Einzige, der ohne Zeitverzögerung anfängt.

Aber nicht überall wird der Gürtel enger geschnallt. Einige Beratungsfirmen wollen immer noch Mitarbeiter einstellen und nutzen die Flaute auf dem Arbeitsmarkt, um ihren Wettbewerbern Top-Leute wegzuschnappen.

So beispielsweise Accenture. „Wir werden unsere aggressive Mitarbeitersuche fortsetzen“, erklärt Charles Carter, der von London aus für die Beratungsgesellschaft die Anwerbung europäischer MBA-Absolventen koordiniert. „Und dieser Trend dürfte sich mit Beginn des neuen Geschäftsjahrs im September fortsetzen“ schätzt er.

Auch die von München aus operierende Beratungsgesellschaft Roland Berger & Partner hält an ihren Plänen fest, die Zahl ihrer Mitarbeiter in diesem Jahr um etwa 15 Prozent zu erhöhen. „Aufgrund unseres Wachstums sind wir in einer ziemlich guten Position, neue Leute einzustellen“, erklärt Unternehmenschef Berger. „Wir werden die Chance nutzen, Zugang zu den besten Talenten zu bekommen.“

Die Stimmung hat sich gedreht

Aber im Großen und Ganzen, urteilt Insead-Student Carvalho, hat sich die Stimmung unter den Personalern dramatisch geändert, seit er im vergangenen August sein einjähriges MBA-Studium aufgenommen hat. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Unternehmen noch im Anwerbefieber. Investmentbanken und Unternehmensberater führten die Studenten im Konkurrenzkampf um die besten Kandidaten zu kostspieligen Essen aus. Anfang dieses Jahres aber schlug sich die konjunkturelle Abkühlung nieder und die Investmentbanken zogen sich fast vollständig aus dem Rennen zurück.

Insead ist eine gute Messlatte für das, was sich auf dem MBA-Arbeitsmarkt abspielt, da sie als eine der wenigen Business Schools in Europa oder den USA sowohl im Frühling als auch im Herbst eine Recruitingsrunde für ihre zukünftigen MBA-Absolventen abhält.

Von den 130 Rekrutern, die sich dieses Frühjahr hatten vormerken lassen, sprangen zehn Prozent in der letzten Minute ab, sagt Mary Boss, die bei Insead für das Karriere-Management zuständig ist. „Während in der Vergangenheit auf einen Absolventen durchschnittlich drei Job-Angebote kamen, so werden es für die Abschlussklasse dieses Sommers gerade mal rund die Hälfte sein“, schätzt sie.

Nur keine Entlassungen

Eines wollen die großen Unternehmensberatungen allerdings unbedingt vermeiden: eine Welle brutaler Entlassungen wie Anfang der neunziger Jahre, als Europa in eine Rezession schlitterte. In einigen Fällen waren Neuankömmlinge damals zu ihrem ersten Arbeitstag erschienen, nur um zu hören, dass er zugleich ihr letzter war. Beratungsunternehmen hatten an den Business Schools einen schlechten Ruf, der ihnen auch dann noch anhing, als sich die Wirtschaft wieder erholte. Und sie hatten danach Schwierigkeiten, gute Kandidaten anzulocken.

Heute nutzen viele MBA-Absolventen und Jobeinsteiger die Internet-Austauschforen auf Web-Seiten für Arbeitsplatzvermittlung wie etwa das von vault.com, um sich öffentlich darüber zu beschweren, wenn sie ihrer Meinung nach von einem gegenwärtigen oder zukünftigen Arbeitgeber ungerecht behandelt wurden. Schlechte Nachrichten verbreiten sich so in Windeseile. „Als Branche haben wir tödliche Angst davor, Leuten zu sagen, dass wir sie nicht wollen“, gibt Berater Pelletier zu. „Und das mit gutem Grund, denn das letzte Mal haben wir teuer dafür bezahlt.“

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