Dress Code
Die vielen nackten Beine lenken ab

Handbücher mit 30 Seiten Bekleidungsvorschriften sind für die Mitarbeiter in US-Unternehmen keine Seltenheit. Piercing-Freunde, Besitzer langer Nägel oder Minirock-Liebhaberinnen habe schlechte Karten: Die Gerichte entscheiden in aller Regel zugunsten der Firmen.

LOS ANGELES. Die Geschäftsleitung von Harrah’s Hotel und Casino in Las Vegas verteilte das Memorandum kurz vor Feierabend. „Jede weibliche Angestellte, die an einer Bar arbeitet“, hieß es darin, „ist ab sofort dazu verpflichtet, Make-up anzulegen und die Haare offen zu tragen.“ Gleich mehrere Frauen fühlten sich diskriminiert, klagten – und verloren.

Beim Großhändler Costco Wholesale Corp. flatterte ein ähnliches Formblatt durch die Personalabteilungen. Demnach dürften laut Firmenanweisung ab sofort die Angestellten „keine Gesichtspiercings“ mehr tragen. Melanie Cloutier klagte mit der Begründung, ihre Nasen und Augenbrauen-Piercings seien „ein fester Bestandteil ihres religiösen Glaubens“. Als aktives Mitglied in der Church of Body Modification – Kirche der Körpermodifikation – drücke sie mit ihren elf Piercings im Gesicht einen essentiellen Aspekt ihrer Spiritualität aus. Der Richter im New Yorker District Court fand dies nicht so wichtig und sprach Costco das Recht zu, den Dress Code seiner Angestellten zu bestimmen.

Strikte Regeln. In den USA können die Firmenbosse sehr wohl bestimmen, wie ihre Arbeitnehmer zum Dienst antreten müssen. Bei Disney zum Beispiel sind in dem 32-seitigen Disney-Look-Buch „schrille Haarfarben“ genauso verboten wie „Nasen- und Zungenringe“. Der Grund: „Wir bewerben Disneyland als Happiest Place on Earth“, erklärt ein Marketing-Direktor aus dem Hauptquartier im kalifornischen Burbank. „Stellen Sie sich einmal vor, ein fünfjähriges Mädchen schaut in das metallene Gesicht einer unserer Angestellten im Park. Da verschwindet jede Glückseligkeit in Sekundenschnelle.“

Und das ist längst nicht alles: Fingernägel dürfen bei Disney nicht mehr als 6,3 Millimeter über die Fingerspitze reichen. Eine Sonnenbrille ist nur mit medizinischem Attest erlaubt. Männer dürfen keine Ohrringe tragen, Frauen allenfalls ganz kleine Stecker. Wer unrasiert kommt oder mit Schuhen, deren Schnürsenkel, nicht zugebunden sind, fällt übel auf. Das gilt auch für die, die unter den Goofy-Kostümen im Park unterwegs sind.

Ganz oben beim Dress Code im Land der begrenzten Anziehmöglichkeiten stehen die Frisur (Männer bitte kurz, nicht auf den Hemdkragen), Rasur (bitte glatt oder gestutzter Bart), Make-up bei den Frauen (dunkler Lippenstift und greller Lidschatten unerwünscht). Politische oder religiöse Botschaften auf Kleidungsstücken sind tabu. So feuerte der Kurierdienst Choice Courier seinen Mitarbeiter Alonso Rivera, weil auf dessen Arbeitskleidung ein Anstecker mit dem Schriftzug „Jesus is Lord“ klebte. Rivera klagte wegen religiöser Diskriminierung – und gewann. Muss laut Gesetz in Amerika doch der Arbeitgeber die „religiösen Glaubensrichtungen seiner Angestellten auch im Dress Code anerkennen“. Katharina Parker, Partnerin in der Anwaltskanzlei Proskauer Rose in New York, hält das für eine juristische Grauzone. „Was ist Anerkennung und was ist geschäftsschädigend?“

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