Edward G. Krubasik
„Eine Innovationsbremse erster Güte“

Edward G. Krubasik ist Siemens-Vorstand und Präsident des Verbandes ZVEI. Im Interview spricht er über den Ingenieurmangel in Deutschland und die Folgen.

Handelsblatt: Herr Krubasik, gibt es einen Ingenieurmangel, oder sind die Klagen der Industrie überzogen?

Edward G. Krubasik: Wir haben in Deutschland deutlichen Nachholbedarf an Ingenieuren, der Mangel ist eine Innovations- und Wachstumsbremse erster Güte. Das Problem ist längst grundsätzlich, in Deutschland lagen wir schon 2002 bei den Absolventenzahlen in Ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengängen meilenweit hinter Ländern wie Frankreich und Großbritannien.

Hat hier nicht auch die Industrie versagt?

Entscheidend ist, dass wir deutlich weniger Studienanfänger haben als andere Länder. Unsere Quote liegt bei 36 Prozent der alterstypischen Bevölkerung. Andere Länder, etwa Großbritannien, haben 48 Prozent, die USA sogar 63 Prozent. Nach den Erfahrungen der vergangenen fünf Jahre nimmt der Akademikerbedarf der deutschen Wirtschaft alleine wegen des Innovationsdrucks und des Wandels der Beschäftigtenstruktur jährlich um 50 000 zu.

Heißt das, die wahren Probleme stehen uns noch bevor?

Beunruhigend ist vor allem das Verhalten der Studienanfänger. Während die Gesamtzahl der Anfänger im vorigen Jahr leicht anstieg, ging sie in allen wichtigen Ingenieursdisziplinen spürbar zurück. Schon ab 2008 rechnen wir aus demographischen Gründen mit einem zusätzlichen Rückgang der absoluten Ingenieurzahlen.

Was tut die Industrie dagegen?

Wir müssen die Abbrecherquote während des Studiums deutlich senken, sie beträgt heute fast 50 Prozent. Hoffnungen setzen wir auf die schon erfolgte Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Außerdem müssen wir das Interesse an Technik und Naturwissenschaft in der Schule stärken. Aber ohne Talentzuwanderung wird es nicht gehen.

Ist Arbeitszeitverlängerung ein Ausweg?

Zunehmend, spätestens ab 2015, wenn der demographische Engpass greift, werden wir auch um längere Lebensarbeitszeiten bei Ingenieuren werben müssen. Die 35-Stunden-Woche und ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren werden schon heute von vielen Experten als Talentvergeudung bezeichnet.

Die Fragen stellte Christoph Hardt.

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