Eine wachsende Zahl von Bundesländern lässt Langzeitstudenten zahlen, einige planen Gebühren für alle
Hochschulen bitten zur Kasse

Der Urlaub ist gestrichen. Martin Kebbel muss sparen. Vor einigen Wochen bekam er Post von der Universität Köln: „Sie haben bereits 15 Hochschulsemester absolviert. Damit steht Ihnen kein Studienguthaben mehr zur Verfügung.“

KÖLN. Martin Kebbel ist einer von 20 000 Kölner Studenten, die zur Kasse gebeten wurden, denn wie Hamburg und Hessen hat Nordrhein-Westfalen dieses Jahr eine Gebühr für Langzeitstudenten eingeführt. Wer hier das 1,5-fache der Regelstudienzeit überschreitet, muss für jedes zusätzliche Semester 650 Euro zahlen.

Passieren kann das jedem, der bummelt. Aber auch jedem, der wie Martin Kebbel das Fach wechselt. Das Fach Politikwissenschaft mit den Nebenfächern angloamerikanische Geschichte und Geographie bot nur mäßige Jobaussichten und befriedigte nicht sein Interesse an Wirtschaft. Deshalb stieg Kebbel nach drei Semestern um auf Volkswirtschaftslehre sozialwissenschaftlicher Richtung.

Dass er über der Regelstudienzeit liegt, hat noch einen weiteren Grund: An zwei Tagen pro Woche sitzt der angehende Volkswirt nicht am Schreibtisch sondern hinter dem Steuer eines Autos, um im Auftrag des Arbeiter-Samariter-Bundes Behinderte zum Arzt oder zum Einkaufen zu fahren. Er jobbt – wie zwei Drittel aller deutschen Studenten. Doch obwohl er immer knapp bei Kasse ist, will er sein Studium beenden. Und die 1 300 Euro Studiengebühren zahlen, die fällig werden, bis er im nächsten Sommer sein Diplom macht: „Es wäre dumm, so kurz vor dem Ziel alles hinzuschmeißen.“ 6 170 Kommilitonen – knapp zehn Prozent aller Studenten der Uni Köln – waren anderer Meinung und haben sich wegen der Gebühr exmatrikuliert. In ganz NRW sollen es Schätzungen zufolge zwischen 30 000 und 50 000 sein.

4 340 Studenten mit langer Uni-Vergangenheit wollten nicht zahlen aber auch nicht das Handtuch werfen. Sie legten Widerspruch ein. Zwölf zogen vor Gericht. Die meisten argumentieren damit, dass es sich bei der Gebühreneinführung um einen Vertrauensbruch handele, da sie ihre Ausbildung zu veränderten Bedingungen beenden müssten. Bei einer Handelsblatt-Umfrage im Frühjahr sprachen sich immerhin 33,2 Prozent von über 1 000 befragten Studenten dafür aus, das Erststudium nach Ablauf der Regelstudienzeit kostenpflichtig zu machen. Auch der Kölner BWL-Student Torsten Kolp findet Langzeitgebühren nicht grundsätzlich schlecht: „Ein Anreiz, schneller zu studieren, ist prinzipiell okay.“ Er selbst hat die Überweisung auch ausgefüllt, denn auf seinem Studienkonto stehen inzwischen 20 Semester. Zwei Mal hat er das Fach gewechselt, vor allem aber hat er sich früh mit einer Internetmarketing-Firma selbstständig gemacht. Den Nebenbei-Unternehmer wurmen die zusätzlichen Ausgaben, zumal er 650 Euro als zu happig empfindet. Trotzdem findet Kolp: „In einer wirtschaftlich schwierigen Lage müssen auch Studenten etwas beisteuern.“

Seite 1:

Hochschulen bitten zur Kasse

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%