Entführung von Geschäftsleuten
Jeden Tag schlagen die Kidnapper zu

In Mexiko wird beinnahe täglich ein Mensch entführt. Besonders gefährlich ist es in Mexiko-Stadt und einigen Städten an der US-Grenze wie Tijuana. Das Geschäft ist lukrativ: 10 000 Dollar sind die Untergrenze für ein Lösegeld. Betroffen sind vor allem mittelständische Unternehmen. Auch deutsche Geschäftsleute gehören zu den Opfern.

MEXIKO-STADT/DÜSSELDORF. Feierabendverkehr in Mexiko-Stadt. Nichtsahnend steigt der Manager einer deutschen Niederlassung in seinen Wagen und macht sich auf den Heimweg. Plötzlich quietschen Reifen, an einer roten Ampel keilen ihn zwei Autos ein. Männer springen heraus, steigen zu ihm ein und drücken dem verdutzten Opfer eine Pistole an den Kopf.

In der Nacht geht bei seiner Frau der erste Anruf ein. Offenbar haben die Entführer erst nach der Verschleppung bemerkt, dass ihre Geisel in einem ausländischen Unternehmen arbeitet. Entsprechend hoch ist die erste Lösegeldforderung. Die Verhandlungen sind kurz. Ein Firmenvertreter übergibt am nächsten Mittag einen Bruchteil der geforderten Summe auf dem Randstreifen einer Stadtautobahn an drei Männer mit abgesägten Flinten. Stunden später stellen die Täter das Auto weit außerhalb von Mexiko-Stadt ab. Die Geisel liegt lebend im Kofferraum.

Kidnapping ist in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas beinahe alltäglich. "Mexiko ist vor Kolumbien, Brasilien und Nigeria das Land der Erde mit den meisten Entführungen", sagt der Chef eines internationalen Sicherheitsunternehmens, das auf Entführungsfälle spezialisiert ist, und der ungenannt bleiben will. Daneben zählen Indien, Irak, Pakistan und abgelegene Teile Chinas zu den Hochrisikogebieten, bestätigt Frederik Köncke, Deutschland-Chef Krisenmanagement des Versicherungsmaklers Aon. "Fakt ist: Deutsche Geschäftsleute gehören zu den fünf Nationalitäten weltweit, die am häufigsten entführt werden."

Betroffen sind vor allem mittelständische Unternehmen. Ein Grund: Der typische deutsche Anlagenbauer war zwar immer schon im Ausland aktiv, er muss aber heute wegen des harten Wettbewerbs auch in Risikoländer gehen, die er bislang meiden konnte, sagt Robin Kroha von der Sicherheitsberatung Control Risks. Beispiel: Die Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitschke waren vor zwei Jahren 99 Tage im Irak in Geiselhaft. Denn ihr Arbeitgeber, der Leipziger Anlagenbauer Cryotec, sah sich aus finanzieller Not gezwungen, Aufträge im Krisengebiet anzunehmen.

"Anders als Konzerne können kleine Firmen gefährliche Missionen nicht an Subunternehmer abgeben", erzählt ein Vertreter der deutschen Wirtschaft in Berlin unter vier Augen. Ein typischer Fall: Rüdiger Diedrich, der ein Dammprojekt in Afghanistan betreute, wurde im Juli von Taliban entführt und getötet, sein Chef, Rudolf Blechschmidt, kam nach 85 Tagen frei.

Die Sicherheitslage weltweit ändert sich heute schneller. Kroha: "Mittelständler, die in 50 Ländern Geschäfte machen, können kaum alle Gefahren im Auge behalten." Zumal die Dunkelziffer hoch ist: Gerade mal einer von zehn Entführungsfällen gelangt an die Öffentlichkeit, schätzt Aon -Manager Köncke. Firmen wollen keine Negativschlagzeilen machen, zumal hohes Lösegeld Nachahmer reizt.

Das Thema ist heikel - auch im Eldorado für Kidnapper, wo sich eine regelrechte Entführungsindustrie etabliert hat. Der mexikanische Unternehmerverband Coparmex verweigerte trotz Nachfrage jede Stellungnahme. Laut "Bürgerrat für öffentliche Sicherheit" wurden vergangenes Jahr 438 Entführungen angezeigt. "Auf jedes angezeigte Kidnapping kommen drei ohne Einschaltung der Behörden", sagt José Antonio Ortega, Chef des Bürgerrats.

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