EU will die flexible Arbeitszeit der Briten beschränken
„Insel der Fleißigen“ droht Ärger aus Brüssel

Wenn Peter Brown über Facharbeiter oder das Eisenbahnnetz in Deutschland spricht, gerät der angelsächsische Manager ins Schwärmen. Doch wenn man den Chef der englischen Logistikfirma Wincanton auf die deutschen Arbeitszeiten anspricht, rollt er mit den Augen: „Allein die Feiertage sind ein Albtraum.“

LONDON. Vor allem die regionalen Unterschiede findet der Brite seltsam. Für seine Spedition, die vor einiger Zeit den Schritt nach Deutschland gewagt hat, sei es eben schwierig, wenn man eine Ladung in Hamburg aufnehmen, in Köln aber nicht liefern könne, „weil dort gerade mal der Karneval tobt.“

Die Briten kennen so etwas nicht. Ferien und Feiertage sind in England und Wales einheitlich geregelt. Nur an einem Tag im Jahr, dem ersten Weihnachtsfeiertag, steht die Insel still. Ansonsten wird gearbeitet – und noch bis vor einigen Jahren ohne Arbeitszeitbeschränkungen.

Daran hat selbst Labour nach seinem Wahlsieg 1997 nicht gerüttelt. Während Frankreich 1981 nach dem sozialistischen Wahlsieg auf eine gesetzliche Begrenzung der Arbeitszeit setzte, hat Premier Tony Blair an der zuvor von der konservativen Thatcher-Regierung ausgerufenen Flexibilisierung festgehalten. So gibt es weder eine gesetzlich geregelte Mitbestimmung noch einen Flächentarifvertrag. Die Arbeitszeit wird – wie in den USA – meist direkt in den Betrieben geregelt.

Allerdings gerät die Insel durch Europa zunehmend unter Druck. So gilt inzwischen auch im Mutterland des Kapitalismus die verbriefte 48-Stunden-Woche (im Durchschnitt über drei Monate gerechnet; d. Red.) – allerdings eher auf dem Papier. Denn die Blair-Regierung akzeptierte 1998 die EU-Richtlinie nur, weil sie mit Brüssel gleichzeitig eine Sonderregel aushandeln konnte. Danach dürfen englische Arbeitnehmer auf „freiwilliger Basis“ durchaus mehr in der Woche arbeiten.

Laut britischem Industrieverband CBI machen von der Regel viele Firmen Gebrauch. Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit eines Industriearbeiters in England liegt bei 1700 Stunden, in einer vergleichbaren deutschen mittelständischen Firma wird rund 200 Stunden weniger gearbeitet.

Es hat also nichts mit Faulheit zu tun,dass die Briten bei der Produktivität stets hinter anderen Ländern liegen. Denn auf der Insel nehmen auch die Überstunden seit Jahren zu. Nach einer jüngsten Studie des Wirtschaftsministeriums arbeitet jeder sechste Brite im Schnitt über 60 Stunden in der Woche; vor zwei Jahren war es nur jeder achte. Und nur ein Drittel erhält für die Mehrarbeit auch Bezahlung.

Autokonzerne wie Nissan oder BMW nutzen diese Vorteile gern. Der Münchner Konzern kann im Werk Oxford, wo der neue „Mini“ gebaut wird, drei Schichten bis zu 125 Stunden in der Woche arbeiten lassen. Das sei rund ein Drittel mehr an Stunden als an einem deutschen Standort, so ein Sprecher: „Ohne Verhandlungen und Zuschläge.“

Doch der „Insel der Fleißigen“ droht neuer Ärger. Die mit Brüssel ausgehandelte Sonderregelung läuft diesen Monat aus. Angeblich will die EU-Kommission die „Rule Britannia“ kassieren. „Das wäre ein Drama“, wettert der CBI. Gewerkschaftsboss John Monks dagegen stichelt: „Mit einem Federstrich könnte Großbritannien die gleiche Regelung wie der Rest Europas haben.“ Genau das aber wäre für Speditionschef Brown ein Graus.

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