Fehlquote sinkt
Spontan gesund – vor lauter Angst

Aus Furcht um ihren Job gehen auch Kranke ins Büro. Dabei drohen den Führungskräften womöglich saftige Strafen, wenn sie das zulassen.

Hand aufs Herz: Gönnen Sie sich noch den Luxus, zu Hause das Bett zu hüten, wenn Sie krank sind? Oder schleppen Sie sich auch mit der schlimmsten Grippe und hohem Fieber ins Büro, weil Sie Angst um Ihren Job haben und lieber nichts riskieren wollen?

Übertriebenes Sicherheitsdenken brauchen Sie sich jedenfalls nicht vorzuwerfen, wenn sie krank ins Büro gehen. Sie sind in allerbester Gesellschaft. Ganze 70 Prozent der Arbeitnehmer gehen selbst dann noch arbeiten, wenn sie sich richtig krank fühlen, ergab eine Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkassen. Zum demselben Ergebnis kommt eine aktuelle, europaweite Umfrage des Karriereportals Jobpilot: Danach lassen sich insbesondere die Deutschen und die Italiener nicht durch Krankheiten von ihrer Arbeit abhalten.

Aktuelle Zahlen des deutschen Bundesgesundheitsministeriums erhärten den Trend. Danach betrug die Fehlquote in deutschen Unternehmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nur noch 3,7 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Minus von satten 12,8 Prozent. Neben Angestellten, die krank ins Büro gehen, gibt es weitere Ursache der Entwicklung. Wer früher gerne mal blau gemacht hat, geht heute lieber doch diszipliniert zur Arbeit. Die miese Konjunktur treibt die Angst um den Job und drückt den Krankenstand.

Anwälte für Arbeitsrecht beobachten schon erste Folgen des selbstlosen Arbeitseifers. „Krankheitsbedingte Kündigungen gibt es fast gar nicht mehr, obwohl sie vor wenigen Jahren noch die Regel waren“, berichtet Markus Bohnau von der Kanzlei Lovells in Düsseldorf.

Doch so erfreulich, wie sich die Nachricht zunächst für Arbeitgeber anhört, ist sie gar nicht. Zwar mag sich das Problem eines hohen Krankenstandes scheinbar von selbst gelöst haben. Andererseits bewegen sich die Chefs selbst auf dünnem Eis, wenn sie kranke Angestellte arbeiten lassen – und tatenlos zusehen. „In diesem Fall verletzen sie ihre gesetzliche Fürsorgepflicht, die ihnen gegenüber dem Mitarbeiter obliegt“, erklärt Arbeitsrechtler Jan Tibor Lelley von der Essener Kanzlei Buse Heberer Fromm. Dies gilt umso mehr, wenn sich eine Erkrankung durch die Weiterarbeit ohne Rücksicht auf den Gesundheitszustand verschlimmert.

Besonders für die Führungsriege des Unternehmens kann das zu einem gefährlichen Spiel werden. Lelley warnt: „Den Managern droht eine Geldstrafe von bis zu 25 000 Euro oder schlimmstenfalls bis zu einem Jahr Gefängnis.“ Hinzu kommen noch mögliche Schadenersatzforderungen der Mitarbeiter.

Will ein Arbeitgeber seine Fürsorgepflicht erfüllen, muss er kranke Mitarbeiter sofort zum Arzt oder nach Hause schicken. Und nicht abwarten, wie viele Kollegen womöglich noch angesteckt werden. Er darf vor allem nicht zusehen, wie sich die Krankheit im Büro verschlimmert.

Das gleiche gilt auch für den Betriebsrat. Er muss darauf hinwirken, dass Arbeitnehmern im Betrieb keine Gesundheitsschäden entstehen – und dazu zählt, dass sich eine Krankheit verschlimmert. So bestimmt es § 75 Betriebsverfassungsgesetz, erläutert Anwalt Lelley.

Doch die Realität sieht anders aus. „In wirtschaftlich schlechten Zeiten fordern viele Arbeitgeber ihre Angestellten bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Da bleibt die Fürsorgepflicht eben manchmal auf der Strecke“, urteilt der Essener Jurist.

Zwar sei in den meisten Unternehmen das nötige Problembewusstsein vorhanden, glaubt Lovells-Anwalt Bohnau, und die meisten Führungskräfte hält er für „sehr verantwortungsbewusst.“ Doch dass sich damit auch wirklich ein Mutiger findet, der einen Mitarbeiter nach Hause schickt, ist in Zeiten harten Kostendrucks alles andere als selbstverständlich.

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