Fortbestand vieler Betriebe gefährdet
Unternehmensnachfolge: Flügge werden im gemachten Nest

Die neue Kampagne „nexxt“ lenkt den Blick auf rund 80 000 Unternehmer, die in Deutschland jährlich einen Nachfolger für ihren Betrieb suchen. Gründern, die nicht bei Null anfangen wollen, bieten sich viele gute Gelegenheiten.

DÜSSELDORF. Nach einer Karriere als Geschäftsführer im Großhandel wollte Detlef Schmidt im Sommer 1999 endlich sein eigener Chef sein. Doch sein Traum vom eigenen „Life-Art-Konzern“ mit Präsentversand, Exklusivreisen und Promotion-Angeboten für Weinlieferanten drohte am Vertrieb zu scheitern. „Wir merkten, dass der geplante Versand über Großhändler nicht möglich war“, erzählt er.

Um nicht bei Null anfangen zu müssen, übernahm Schmidt im Sommer 2000 die Dortmunder Firma Hasenbring und Co., einen Weinhandel mit mehr als hundertjähriger Tradition. Der Alteigner wollte das Ruder aus Alters- und Gesundheitsgründen aus der Hand geben. „Wir konnten von Anfang an auf die Lagerhallen und die Kunden- und Lieferantenbeziehungen zurückgreifen“, hebt Schmidt die Vorteile des Kaufs hervor.

Kaufen statt gründen: Angehenden Unternehmern, die diese Alternative in Betracht ziehen, bietet sich eine große Auswahl. In Deutschland sind nach einer Untersuchung des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung jährlich etwa 80 000 Unternehmen vom Generationswechsel betroffen, in denen knapp eine Million Menschen beschäftigt sind.

Am Montag startet die Kampagne "nexxt"

Um das Thema stärker ins Bewusstsein zu bringen, starten das Bundeswirtschaftsministerium, die Deutsche Ausgleichsbank (DtA), Vertreter der mittelständischen Wirtschaft, des Kreditwesens und der Freien Berufe am Montag in Berlin die Kampagne „nexxt“. In ganz Deutschland sollen bis Jahresende Veranstaltungen zur Nachfolgeproblematik stattfinden.

Denn rund 60 Prozent der Unternehmer, bei denen in nächster Zeit die Nachfolge ansteht, können noch keine konkreten Angaben über den Stabwechsel machen, schätzt die DtA. Sie gefährden so womöglich den Fortbestand ihres Betriebes. „Viele Unternehmer glauben, sie könnten das Problem alleine lösen, und beschäftigen sich daher zu spät mit dem Thema“, glaubt Ingo Schlesing, Leiter der Unternehmensnachfolgeagentur bei der DtA.

Für den Käufer bietet die Übernahme zahlreiche Vorteile. Zum einen ist das Unternehmen bereits eingeführt, sein Name etabliert. Die Produkte oder Dienstleistungen müssen nicht erst auf dem Markt getestet und lanciert werden. Auch die Beziehungen zu Kunden und Lieferanten sind geknüpft, die Bindung an die Stammkunden bleibt in der Regel bestehen.

Jeder Vorteil kann sich auch als Nachteíl entpuppen

Von Vorteil ist auch die Einarbeitung durch den Vorgänger, der den Betrieb ja am besten kennt. Der Übernehmer profitiert darüber hinaus von einem sachkundigen Mitarbeiterstamm. Auch die Räume und das Inventar sind vorhanden und müssen nicht erst neu angeschafft werden.

Doch jeder Vorteile kann sich unter Umständen auch als Nachteil entpuppen. Unter dem Strich glaubt Schlesing aber: „Wenn die Chemie stimmt und das Unternehmen gesund ist, hat man sehr viel Gestaltungsspielraum. Aber man muss den Übernahmekandidaten sehr genau prüfen.“

Deshalb hat das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium zum 1. Februar 1999 im Rahmen der Gründungs-Offensive „GO!“ das Pilotprojekt Unternehmensnachfolge initiiert. Die beteiligten Organisationen treffen eine Vorauswahl der Betriebe, die für eine Vermittlung überhaupt in Frage kommen. „Wir wollen damit dem Nachfolger die größtmögliche Sicherheit geben und sein nicht unerhebliches Risiko minimieren“, sagt Michael Preuschl, der das Projekt bei der IHK Aachen betreut.

Kaufpreis und Finanzierung sind bei Übernahmen die Killerkriterien

Die IHK setzt einen Berater ein, der die Lage des in Frage kommenden Betriebs sondiert und ein Profil erarbeitet. Dieses Profil wird potenziellen Nachfolgern angeboten. Die Unternehmen zahlen für die Teilnahme zwischen 1 000 und 3 000 DM. Für den Käufer fallen erst vor Abschluss der Verträge Kosten an.

55 Unternehmen mit durchschnittlich 16 Mitarbeitern seien im Raum Aachen bisher vermittelt worden. Das entspricht einer Erfolgsquote von gut 70 Prozent, die Preuschl vor allem auf die Vorauswahl zurückführt. Die übrigen 30 Prozent seien vor allem an zwei Gründen gescheitert: Dem Kaufpreis und der Finanzierung. Denn neben der Fachkenntnis und kaufmännischem Talent muss der Käufer ungefähr 15 Prozent des Kaufpreises an Eigenkapital einbringen.

Für die Restsumme stehen auch dem Käufer einer bereits bestehenden Firma über die Hausbank die Fördertöpfe für Existenzgründer offen. Die wichtigsten öffentlichen Förderprogramme sind das ERP-Eigenkapitalhilfe-Programm zur Förderung selbstständiger Existenzen, das Mittelstandsprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und das Existenzgründungsprogramm der DtA.

Online-Marktplatz führt Unternehmer und Nachfolger zusammen

Um beiden Parteien die Kontaktaufnahme zu erleichtern, hat die DtA Anfang 1999 mit den Handels- und Handwerkskammern sowie den Volksbanken und Sparkassen die Unternehmensnachfolgebörse Change/Chance eröffnet. Momentan suchen auf dem Online-Marktplatz rund 6 700 Unternehmer einen Nachfolger. Gut 3 000 potenzielle Gründer fahnden nach einem geeigneten Betrieb.

Die Seite verzeichne im Schnitt 900 Zugriffe pro Tag, so ein Sprecher der Initiative. „Bisher wurden in mindestens 1 250 Fällen Kontakte angebahnt“, berichtet Ingo Schlesing, der die Börse bei der DtA betreut.

Detlef Schmidt fand das Unternehmen seiner Wahl über die „GO!“. Eine „Erfolgsformel“ für eine gelungene Übernahme sei es, mit dem Alteigentümer klarzukommen, sagt Schmidt. In einer drei- bis viermonatigen Übergangsphase hatten beide gemeinsam die Kunden über die Übergabe informiert. „Mein Vorgänger konnte in Ruhe Abschied nehmen.“

Der Ein-Mann-Betrieb ist im Laufe des vergangenen Jahres zum nationalen Versandhandel für Wein, Zigarren und weitere Life-Art-Produkte mit zehn Beschäftigten und Internetauftritt gewachsen. Schmidts Vorgänger freut sich, was aus dem Betrieb geworden ist. Und auch Schmidt selbst hat die Entscheidung nicht bereut. „Ich würde jedem, der sich selbstständig machen will, empfehlen, auch einmal an eine Übernahme zu denken.“

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