Frauen im Beruf
Ohne Zähnezeigen geht’s nicht

Karrierefrauen müssen im Beruf das Unmögliche schaffen - ganz Dame und Despot zugleich zu sein. Doch ihnen werden nicht dieselben Dominanz- und Unterdrückungsmechanismen zugestanden wie ihren männlichen Kollegen.

Seien Sie ehrlich, woran denken Sie bei dieser Geschichte? A legt B den Arm um die Schulter und sagt freundschaftlich „Hallooo, das fand ich ja wirklich toll, wie du das Geschäft zum Abschluss gebracht hast. Eine Meisterleistung. Komm, ich lad dich nachher auf ein Bier ein. Das müssen wir feiern.“ A berührt B, lobt B, lädt B ein. A ist sicher der Chef von B, aber könnte A auch Bs Chefin sein?

„Berühren, loben, einladen – so verhalten sich typischerweise Menschen, die sich höher gestellt fühlen“, erklären die Statusforscher Johannes Lehner und Walter Ötsch von der Universität in Linz: „Doch obwohl auch Frauen sich so geben können, denken die meisten von uns bei A automatisch an einen Mann.“

Die beiden Wissenschaftler haben sich intensiv mit Statusspielen im Berufsleben beschäftigt und dabei auch wissenschaftlich festgestellt: Beim Kampf um Macht und Einfluss werden Frauen nicht dieselben Dominanz- und Unterdrückungsmechanismen zugestanden wie ihren männlichen Kollegen. Männer reißen öfter Witze, pflegen einen informellen, häufig sogar bewusst schlampigen Sprachstil – nach dem Motto „Seht her, was ich mir alles herausnehmen kann“ und neigen mehr zu jähen Themenwechseln. Frauen in gehobeneren Positionen wird hingegen ein damenhafteres, anständigeres Verhalten abverlangt.

Keine Temperamentsausbrüche, kein ausladenes Gestikulieren, bloß nicht zu schnell sprechen, das würde die männlichen Kollegen nur abschrecken und in ihren Vorurteilen bestätigen – dass Frauen eben viel zu emotional sind, um sich zu beherrschen. Stattdessen üben sich Top-Managerinnen in Disziplin. Sie sagen in klaren, einfachen Worten, was sie denken, bringen sachlich rüber, was sie wollen, und holen am Ende die Punkte nach Hause, weil sie die Selbstbeherrschung nicht verlieren und damit auch nicht die Kontrolle über das Geschehen. „Top-Managerinnen wissen heute sehr wohl sich durchzusetzen, aber achten genauso streng darauf, nicht aus der Rolle zu fallen“, bestätigt Christine Stimpel, designierte Geschäftsführerin der Personalberatung Heidrick & Struggles. Und dass brave Mädchen vielleicht in den Himmel kommen und böse überall hin – nur nicht in die Top-Etagen der Unternehmen.

Viele Verhaltensweisen, die Manager gut gebrauchen können, um sich an die Spitze hochzuboxen, sind Frauen also nach wie vor verwehrt. „Ein militärischer Ton, brachiales Vokabular um Kampf und Wettbewerb oder sexuelle Anspielungen funktionieren bei Männern und steigern sogar ihren Status“, betonen die Autoren Ötsch und Lehner („Jenseits der Hierarchie“, Wiley Verlag). „Wenn Frauen dagegen dieselben Stilmittel einsetzen, laufen sie Gefahr, systematisch im Rang zurückgestuft zu werden.“

Doch heißt das im Umkehrschluss, dass sich Frauen möglichst angepasst verhalten müssen, um überhaupt aufsteigen zu können? Vieles spricht dafür: Ob die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice, Bundeskanzlerin Angela Merkel, KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier, McKinsey-Partnerin Clara Streit oder Morgan-Stanley-Deutschland-Chefin Dagmar Kollmann – Frauen, die in der ersten Liga spielen, verfügen über eine gewisse Gravitas. „Sie strahlen Würde, Ruhe und Präsenz zugleich aus. Schon deshalb nimmt man ihnen ab, dass sie kompetent sind und nicht so schnell einknicken“, hat Personalberaterin Stimpel immer wieder festgestellt.

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