Frauen in der Arbeitswelt
Das zweite Geschlecht steht auf

Nicht nur angesichts des akuten Fachkräftemangels und des demografischen Wandels werden sie dringend gebraucht: Frauen im Beruf. Richtig willkommen sind diese in der Arbeitswelt allerdings immer noch nicht. Gefordert sind diesbezüglich nun alle - Unternehmen, Staat, die ganze Gesellschaft. Ein Essay.

Die Sozialstruktur Deutschlands hat sich verändert. Es gibt weniger Junge und mehr Ältere als früher. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist gewachsen. Die Bildungsexpansion kam ins Stocken, das durchschnittliche Bildungsniveau der deutschen Bevölkerung ist in den letzten 15 Jahren nicht mehr gestiegen. Der Arbeitsmarkt bietet zunehmend nur gut Gebildeten gute Positionen, Bildungsarme werden und bleiben immer häufiger arbeitslos. Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt bedrohliche Ausmaße an.

Es gibt aber ein Potenzial, das bisher nicht richtig ausgeschöpft wird: gut, sehr gut und hervorragend ausgebildete Frauen. Die Wirtschaft ist dringend auf sie angewiesen. Damit hat für Frauen ein neues Zeitalter begonnen: Seit mittlerweile 50 Jahren "dürfen" sie arbeiten, im Gleichberechtigungsgesetz von 1958 wurde die Zustimmungspflicht des Ehemannes zur Erwerbsarbeit der Frau abgeschafft. Frauen "können" auch schon lange arbeiten, denn von einer fehlenden Ausbildung kann nicht mehr die Rede sein. Seit zehn Jahren erreichen mehr Frauen als Männer das Abitur, Tendenz steigend. Nun aber "sollen", ja "müssen" Frauen arbeiten.

Doch wollen sie es auch? Die Antwort neuerer Studien ist eindeutig: Ja, sie wollen. Frauen haben das Leben ihrer Mütter und Großmütter verfolgt, daraus gelernt, die Spielregeln verstanden. Sie setzen in ihrem Leben und für ihr Leben nicht mehr auf Vater Staat. Und sie lassen sich nicht auf die Risiken einer Versorgung durch den Ehemann ein. Wenn in der Brigitte-Studie 2008 über 90 Prozent der befragten Frauen (in den Altersgruppen 17 bis 19 und 27 bis 29) sagen, sie wollten "auf eigenen Beinen stehen", so ist dies eine klare Aussage. Die erste Herausforderung liegt damit in der Schaffung von Arbeitsplätzen mit einem Auskommen, das Unabhängigkeit gewährleistet.

Die Beschäftigung von Frauen hat ihren Preis, denn sie passen sich nicht beliebig an. Die Erwerbsarbeit ist nicht ihr ganzes Leben. Partnerschaften, Freunde, Kinder und Eltern sind ihnen auch wichtig. Nicht im Sinne von Alternativrollen, in die man ausweicht, wenn die Erwerbsarbeit knapp oder nicht gesichert ist. Auch nicht, weil es eben nett ist, Kinder zu haben oder einen Partner. Es ist ein "und" wirklichen Wollens, ein "und" der bewussten Entscheidung. Die jungen Frauen sind sozial kompetent, sie wissen, was sie warum machen - ganz gleich, welchen formalen Bildungsabschluss sie haben. Sie lassen sich nicht treiben. Ein "Weiß nicht" hört man selten. Die junge Frau von heute ist nicht das Dornröschen, das nach Jahren aufwacht und sich fragen muss, wie die Zeit vorbeigegangen ist. Die jungen Frauen haben aus der Geschichte gelernt. Sie sind weder die Frauen von gestern noch die Männer von heute. Hieraus ergibt sich eine zweite Herausforderung: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss institutionell gewährleistet werden.

Frauen übernehmen Verantwortung - für ihr eigenes Leben, aber auch für die Gesellschaft. In ihrer eigenen Wahrnehmung tun sie das stärker und eher als ihre Väter und Mütter, auch als ihre Partner und Männer. Dieses "Raus aus dem Privaten, rein in die Gesellschaft" reklamieren sie für sich und schreiben es kollektiv allen Frauen zu. Verantwortung übernehmen Frauen aber auch im Beruf. Mehr als ein Drittel der befragten jungen Frauen sieht sich später im Chefsessel, nicht im Vorzimmer. Sie arbeiten selbstbewusst und selbstständig. Und nicht viel anders als Männer. In der Brigitte-Studie 2008 zumindest konnten wir keine Anzeichen eines typisch weiblichen Arbeitsstils finden. Die Selbstbeschreibungen der Frauen entsprechen fast vollständig den Selbstbeschreibungen der Männer. Viele der medial ausgewalzten Geschichten über die ach so "anders" führenden Frauen sind wohl eher auf Stereotypisierungen und selektive Einzelbeobachtungen zurückzuführen und nicht auf Wesensunterschiede zwischen Frauen und Männern. Die dritte Herausforderung ist offensichtlich: Die gläserne Decke muss durchbrochen, Frauen der Weg in Führungspositionen geebnet werden.

Seite 1:

Das zweite Geschlecht steht auf

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%