Führungspositionen
Ein Ostfriese in Backnang

Besetzen Headhunter Führungspositionen im Süden, suchen sie oft nur bis zur Maingrenze. Landsmannschaftliche Nähe ist doch wichtiger als gedacht. Nur in zwei deutschen Städten scheinen Dialekt und kulturelle Identität nicht als Hindernis zu gelten.

Thomas Mann war so ein Fall. Seine Leidenschaft für die See ließ ihn immer wieder ans Meer fliehen: In sein Ferienhaus in Nidden an der kurischen Nehrung oder nach Venedig. Im US-Exil lebte er nah am Pazifik, und als alten Herrn zog es ihn regelmäßig ins holländische Seebad Nordwijk. Freiberufler und Künstler können sich das erlauben. Manager haben es da weitaus schwerer.

Ruft ein guter Job in Deutschland, heißt es Koffer packen und ab nach Frankfurt, Erlangen oder Jena – egal, wie die geographischen Vorlieben aussehen. Doch wenn ein Manager, der die Nähe zum Meer wie die Luft zum Atmen braucht, der Karriere wegen ins Sauerland wechselt, wird Karl Bosshard skeptisch. „Das haut meist nicht hin. So jemand ist in der neuen Umgebung latent frustriert“, weiß der Kienbaum-Partner. Je höher jedoch die Position angesiedelt ist, um so weniger spielt der Standort eine Rolle. Winkt ein Geschäftsführer- oder Vorstandsposten, werden mögliche Passionen für Dünen oder Alpen verdrängt. Allein die Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten im neuen Job zählen – ganz gleich ob in Freyburg/Unstrut oder Gütersloh.

Für Manager der zweiten Reihe dagegen ist die Welt noch längst nicht zum globalen Dorf geschrumpft. Auslandsstationen ja, aber innerhalb Deutschlands verlassen sie nur ungern ihre Heimat. „Selbst Geld kann viele nicht mehr an bestimmte Orte locken. Da muss der Unterschied zur vorherigen Position schon sehr groß sein“, beobachtet der Kölner Headhunter Klaus Leciejewski. „Die Leute sind wegen ihrer Sprache und der kulturellen Identität doch sehr verwurzelt“, so die Erfahrung von Bosshart.





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Auch umgekehrt gilt: „Wer an einem neuen Ort als Produktionsleiter Fuß fassen will, muss die Sprache der Leute sprechen“, erzählt Ernst Heilgenthal, Berater bei Gemini Executive Search in Köln. „Das können Sie bei einem Ostfriesen, der auf die Schwäbische Alb kommt, glatt vergessen.“ Deshalb achtet der Psychologe bei der Vermittlung von Führungskräften auch auf die so genannte landsmannschaftliche Nähe. Hat er Positionen in Württemberg oder Bayern zu besetzen, sucht er allenfalls bis zur Maingrenze nach geeigneten Kandidaten, um eine gewisse mentale Verständigung sicherzustellen.

Verlangt die Karriere tatsächlich einen Ortswechsel, würden die meisten Deutschen am liebsten nach Hamburg oder München gehen. Das strahlende Image der Städte an Elbe und Isar lässt sogar die hohen Lebenshaltungskosten in den Hintergrund treten. „Der Hamburger fühlt sich in München wohl und umgekehrt“, so Heilgenthal. Auch Köln und Düsseldorf stehen auf der Beliebtheitsskala weit oben, während sich an Berlin die Geister scheiden. Wer bereits Familie hat, den lockt die ehemalige Mauerstadt kaum. Zu molochig, unsicher und verwahrlost, bekommen Personalberater zu hören.

Frankfurt ist regelrecht verhasst

Auch Frankfurt steht bei vielen nicht hoch im Kurs. Die Bankenmetropole ist sogar regelrecht verhasst, meint Leciejewski. Sie gilt als gesichtslos und ohne Atmosphäre. Ein ganz schwieriger Fall ist Stuttgart. „Da wollen nur Schwaben gerne hin“, ist das Fazit von Heilgenthal. Ob es nun der Dialekt ist oder die – mit Hingabe praktizierte – Kehrwoche. Allenfalls große Namen wie Daimler-Chrysler, Porsche oder IBM locken Karrierewillige dorthin. Noch schwerer vermittelbar sind die Städte in Ostdeutschland, fast so, als wäre es Sibirien. „Alle, die dorthin gehen, wollen wieder in den Westen zurück. Viele überbrücken die Zeit in Erfurt oder Jena mit Pendeln“, so Heilgenthal. Ausnahme: Dresden.

Aber auch „gesunde Provinzzentren wie Bielefeld oder Paderborn haben ihre Fans“, weiß Bosshard. Es gibt Manager, die – gerade wenn sie Familie haben – die Verbindung von Stadt- und Landleben schätzen. Voraussetzung: gewisse Infrastruktur, gute Schulen und Großstadtnähe.

Ganz schwer haben es kleine Orte wie Tuttlingen. Das 35 000-Einwohner-Städtchen nahe dem Bodensee ist Standort von Binder, Marktführer für Simulationsschränke in Labors. „Wir sind eben in der Provinz und müssen gegen große Namen konkurrieren,“ weiß Unternehmenschef Peter Binder.Da gilt es, findig zu sein. Das erste Gespräch mit Kandidaten führte Berater Heilgenthal nicht gleich am Firmenstandort. Zum zweiten Treffen in Tuttlingen wurden die Partner dazugeladen, und die Frau des Personalchefs präsentierte die schönsten Seiten des Ortes. Und plötzlich gab’s Zusagen.

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