Gastbeitrag
Was das Antidiskriminierungsgesetz für die Bewerbung bedeutet

Seit Wochen geistert die Debatte zum Antidiskriminierungsgesetz (ADG) durch das Land. Ein Aspekt der Kritiker beschäftigt sich mit der zu befürchtenden Anonymisierung der Bewerbungen wie in den USA. Dort werden Alter und Geschlecht im Lebenslauf nicht mehr angegeben. Ein Foto hat es im anglo-amerikanischen Bewerbungsprocedere ohnehin nie verbreitet gegeben.
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Dies vorweg: Ich beteilige mich nicht an der Diskussion über Sinn und Unsinn des Gesetztes, ich kommentiere lediglich die zu erwartende Auswirkung für Bewerber und Personalverantwortliche im ersten Bewerbungsschritt. Ich glaube, sie wird gering sein.

Bereits heute erstellen wir für Fach- und Führungskräfte auf Wunsch eine erkleckliche Anzahl an Bewerbungen ohne Foto – ich schätze den Anteil auf 20 Prozent. Insbesondere gilt dies für Email-kompatible Bewerbungen im PDF-Format. Dies ist umso erstaunlicher, als es längst kein Problem mehr darstellt, ein Foto einzuscannen und in eine schlanke Dateigröße zu verpacken. Das Entscheidende: Wir können nicht feststellen, dass Bewerbungen mit Foto signifikant erfolgreicher sind also solche ohne und umgekehrt.

Zur Altersangabe: Sie stellt in der Tat dann ein Hindernis dar, wenn es sich um ältere Bewerber handelt. Älter – das kann heutzutage groteskerweise schon 40 oder 45 Jahre bedeuten. Aber auch per ADG lässt sich der in vielen Unternehmen offenbar immer noch grassierende Jugendwahn nicht verhindern. Gleichwohl müsste man sich als Arbeitgeber unter einem ADG mit den Bewerbungen intensiver befassen, wenn man das Alter der Bewerber abschätzen möchte. Man könnte dieses nur aus dem Werdegang rückschließen. Hier mag es in der Tat von Vorteil sein, wenn das Alter nicht angegeben wird. Der Arbeitgeber erkennt möglicherweise die Qualifikation der Bewerber eher an, weil die Bewerbungen älterer Kandidaten nicht gleich auf dem C-Stapel landen.

Bezüglich des Geschlechts ist festzuhalten, dass eine Geschlechtsangabe auch heute schon nur in den seltensten Fällen erfolgt. Das liegt meist daran, dass sich die meisten Namen selbst erklären. Was aber bei den in Deutschland zunehmend vorkommenden türkischen Namen oder bei asiatischen Namen? Hier kann man oft nur erraten, ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt. Eine Geschlechtsangabe kann hier durchaus hilfreich sein, allein schon, damit eine höfliche Anrede der Kandidatinnen und Kandidaten möglich ist.

Fazit: Wenn ein ADG in der aktuell angedachten Form erlassen wird, so dürfte sich für die schriftliche Bewerbung nicht viel ändern. Ärgern werden sich allenfalls die Fotografen. Von den Vorgaben der EU einmal abgesehen, bleibt es dennoch rätselhaft, warum wir in Deutschland offenbar auch für die richtige Erstellung der Bewerbungsmappe ein Gesetz brauchen. Die Frage, ob Alter oder Geschlecht im Lebenslauf nicht mehr angeben werden dürfen, zielt, wie so vieles derzeit, am Kernproblem des Arbeitsmarktes in Deutschland völlig vorbei. Niemand kann ernsthaft glauben, dass sich der Bewerbungsprozess für Bewerber durch ein ADG auch nur ein Quäntchen erleichtert.

Thorsten Knobbe ist Managing Partner bei der Karriereberatungsgesellschaft Leaderspoint

www.leaderspoint.de

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