Gerichte gehen hart gegen schlechte Manieren am Arbeitsplatz vor
Arbeitgeber dürfen Rüpel rauswerfen

Manieren sind wieder in Mode: Benimmbücher werden Bestseller, Manager buchen Kurse im "Business-Knigge", und Vorschulkinder bimsen in speziellen Seminaren perfektes Benehmen bei Tisch. Auch die Arbeitsgerichte mussten sich in aktuellen Fällen mit der Frage auseinandersetzen, wann eine schlechte Kinderstube Auswirkungen auf den Arbeitsplatz entfaltet. Resümee der Richter: Rüpel dürfen fliegen; bei geschmacklichen Detailfragen hält sich Justitia diskret zurück

DÜSSELDORF. Ein Außendienstmitarbeiter hatte erfahren, dass er bei einer anstehenden betrieblichen Umorganisation wahrscheinlich seinen Job verlieren werde. Das wurmte den seit zehn Jahren bei dem Handelsunternehmen Beschäftigten gewaltig. In der Folgezeit traf er in seiner Freizeit mehrmals den Geschäftsführer der Firma zufällig bei privaten Spaziergängen. Obwohl jeweils Dritte dabei waren, erwiderte der gefrustete Außendienstler den Gruß seines Vorgesetzten ostentativ nicht. Die Reaktion folgte prompt: Der verweigerte Gruß in der Öffentlichkeit, so das Unternehmen, rechtfertige eine "verhaltensbedingte Kündigung".

Anders sahen dies die Richter am Landesarbeitsgericht (LAG) Köln. Auch eine "mehrfache Verweigerung des Grußes" gegenüber einem Vorgesetzten stelle keine grobe Beleidigung dar und begründe für sich allein keinen Grund für eine Entlassung. Etikette-Tipp des LAG: Notorische Stoffel sollten vor der Verhängung arbeitsrechtlicher Sanktionen in einem Personalgespräch erinnert werden, dass "doch die üblichen Umgangsformen gewahrt werden sollten" (Landesarbeitsgericht Köln, 9 (7) Sa 657/05).

Weniger subtil ging es an einer Tankstelle in der Nähe von Frankfurt am Main zu. Ein dort beschäftigter Einzelhandelslehrling war wegen Diebstahlsverdachts abgemahnt worden. Das nahm er persönlich: In Anwesenheit von Kunden und Kollegen schrie er, er werde seiner Vorgesetzten "eins überhauen". Zur Untermalung seines Zorns trat und schlug er zudem gegen das Mobiliar. Der Tankstellenbesitzer lud den Heißsporn zu einem Gespräch: Entweder der Azubi unterschreibe einen Aufhebungsvertrag, oder er werde fristlos entlassen. Der Stift unterschrieb.

Kaum war die Tinte trocken, focht er seine Erklärung jedoch an. Vor dem Arbeitsgericht der Mainmetropole hatte der Lehrling damit freilich kein Glück. Auch wenn in der Ausbildung der "Erziehungsgedanke" im Vordergrund stehe, so die Vorsitzende Richterin, müsse sich kein Ausbilder gefallen lassen, angeschrien und bedroht zu werden. Da eine fristlose Kündigung zulässig gewesen wäre, habe auch mit ihr gedroht werden dürfen. Der Aufhebungsvertrag war somit rechtens (Arbeitsgericht Frankfurt am Main, 22 Ca 4977/05).

Wann muss sich ein Mitarbeiter am Arbeitsplatz duzen lassen? Mit dieser stilistisch wie interkulturell diffizilen Frage musste sich das Landesarbeitsgericht Hamm beschäftigen. Ein Abteilungsleiter für Herrenoberbekleidung hatte bislang für ein Bekleidungshaus mit "konventionellem, klassischem Stil" gearbeitet, in dem das "Sie" sowohl unter den Mitarbeitern als auch gegenüber der Kundschaft selbstverständlich war. Nachdem die schwedische Kette "H&M" den Laden übernommen hatte, kam die Revolution: Alle Beschäftigten, gleich welchen Rangs, sollten sich plötzlich duzen. Anfänglich machten alle mit. Nach einigen Monaten scherte der Abteilungsleiter aus: Gerichtlich wollte er H&M verpflichten lassen, die Belegschaft dazu anzuhalten, ihn fürderhin wieder zu siezen.

Die Richter wiesen die Klage ab. Einen Anspruch auf das "Sie", so die Richter, könne dem Arbeitsvertrag des Klägers "schwerlich" entnommen werden. Auch aus der "arbeitgeberseitigen Fürsorgepflicht" vermochten die Robenträger keinen allgemeinen "Duz-Schutz" abzuleiten. Dies umso weniger, da sich der Konfektionsexperte ja die erste Zeit selbst an den neuen Umgangsformen beteiligt hatte (Landesarbeitsgericht Hamm, 14 Sa 1145/ 98).

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%