Geschäftssitten in Japan
Ladys first

Ralf Wilde leitet den TÜV Rheinland Japan und die Asien-Group. Er hat erfahren müssen, dass sich japanische Geschäftsleute nur durch sehr sicheres Auftreten überzeugen lassen. Zögern wird als Schwäche ausgelegt, verachtet und gnadenlos ausgenutzt.

HB TOKIO. In Japan hört man nicht auf, sich zu wundern. Wenn mir jemand 1983 nach meiner Ankunft prophezeit hätte, ich würde 2006 immer noch hier sein, wäre ich vermutlich sofort geflüchtet. So sehr prallt diese fremde Kultur auf Neuankömmlinge. Heute sehe ich das anders. Japaner sind angenehm, berechenbar und zurückhaltend. Ich schätze sie als verlässliche Partner und das System als politisch stabil. Anders als in manchen Nachbarländern, habe ich in Japan nie das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden.

Japanische Geschäftsleute lassen sich allerdings auch nur durch sehr sicheres Auftreten überzeugen - Zögern wird als Schwäche ausgelegt, verachtet und gnadenlos ausgenutzt. Nicht selten erleben wir in einem solchen Fall gezielte Provokationen und Hinweise auf Alternativen. Unser Prinzip in Japan lautet stets: immer aus der Position der Stärke - mit erkennbarem Mehrwert für den Kunden - zu agieren.

Kaum Bewegung gibt es dafür in der Gleichberechtigung und man muss gehörig aufpassen, sich nicht an schlechte Gewohnheiten anzupassen. Als ich anfangs mit Mitarbeiterinnen in japanische Fabriken ging, ließ ich den Frauen natürlich den Vortritt. Bis mir eine Mitarbeiterin erklärte: "Bitte lassen Sie das, die japanischen Männer lachen darüber." Jetzt marschiere ich manchmal unbedacht selbst vor meiner eigenen Frau Monika durch die Tür und sie mahnt: "Ladys first, please!"

Besonders für Ehepaare sind die ersten Jahre extrem hart. Von den Männern wird erwartet, dass sie zehn Stunden oder länger im Dienst sind und abends mit Kunden ausgehen. Da stellt sich schon die Frage, ob da auch Geishas im Spiel sind. Diese Phase kann sehr vertrauensbildend sein oder in der Katastrophe enden. Ich rate keinem Paar in einer Beziehungskrise, nach Tokio zu gehen. Für Kinder jedoch kann Japan eine wunderbare Erfahrung sein mit einer hervorragenden deutschen Schule vom Kindergarten bis zum Abitur. Meine Tochter Tanja kam im Alter von 5 Jahren nach Japan, Nadine ist hier geboren. Sie sind wohlbehütet groß geworden, ohne Drogen oder Kriminalität.

Wer wie ich in Tokio wohnt und im angrenzenden Yokohama arbeitet, lebt mit 45 Millionen Menschen in einer Mega-Metropolis. Das Restaurantangebot ist umwerfend, das japanische sowieso und selbst die deutsche Küche schmeckt prima. Meine japanischen Kunden lade ich gern in "Bernds Bar" oder "Horst Ex" ein zu Schweinebraten, Sauerkraut und Bier. Wir verkaufen deutsche Gründlichkeit und das geht auch über einen Schuss deutsche Gemütlichkeit.

In unserer gesamten Asien-Gruppe, die ich leite, sind 2 000 Angestellte in 52 Niederlassungen beschäftigt. Allein in der Yokohama Zentrale haben wir 240 Japaner und 60 Ausländer. Diese Mischung ist gut für das Betriebsklima. Allerdings achten wir mit einer leistungsgerechten Bezahlung darauf, dass keine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Unternehmen entsteht.

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