Hartmut Lüerssen
"Die Krise stärkt die Zeitarbeit"

Zeitarbeitsfirmen gelten vielen Einsteigern noch als Notlösung. Im Handelsblatt-Interview erklärt Hartmut Lüerßen, Partner des Marktforschers Lünendonk, warum es sich für junge Akademiker lohnen kann, mit einer Zeitarbeitsfirma zu starten, wie der Branche sich konsolidieren wird und welchen Einfluss der Mindestlohn haben wird.

Handelsblatt: Was heißt Zeitarbeit eigentlich genau? Vor Jahren war dieser Begriff in Deutschland noch nicht gebräuchlich.

Lüerßen: Die Zeitarbeit ist eines der wenigen wirksamen Flexibilisierungsinstrumente im deutschen Arbeitsmarkt. Und der Flexibilisierungsbedarf der Wirtschaft ist groß. Seit den Reformen der sogenannten HartzGesetze als Teil der von der Regierung Schröder entworfenen Agenda 2010 haben Bedeutung und Bekanntheitsgrad der Zeitarbeit stark zugenommen. Zwischen 2003 und 2007 wurde die Zeitarbeit zum Jobmotor. Die Zahl der Beschäftigten hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt auf 720 000 im Dezember 2007.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der aktuellen Wirtschaftskrise unter den Personaldienstleistern?

Wir erwarten, dass Personaldienstleister, die sich auf hohe Qualifikationen spezialisiert haben, wie Ingenieure, Konstrukteure, IT-Fachkräfte oder auch Buchhalter und Office-Fachkräfte, die Wirtschaftskrise am besten verkraften werden, denn der strukturelle Fachkräftemangel in Deutschland wird durch die Wirtschaftskrise nicht aufgelöst. Besonders hart trifft es die Personaldienstleister, die hauptsächlich für Automobilhersteller und Zulieferunternehmen arbeiten und deren Zeitarbeiter dort überwiegend in der Produktion eingesetzt sind.

Bislang haben alle Experten der Zeitarbeit eine goldene Zukunft vorausgesagt. Gilt das auch für Krisenzeiten? Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Zeitarbeiter zuerst vor die Tür gesetzt werden.

Wir gehen davon aus, dass die Zeitarbeit nach der Krise sogar noch eine stärkere Rolle spielen wird als vorher. Der Flexibilisierungsbedarf der deutschen Wirtschaft ist noch nicht gedeckt und reicht über die aktuelle Krise hinaus. Das zeigt beispielsweise auch die im europäischen Vergleich geringe Zeitarbeitsquote in Deutschland. Diese Quote lag 2007 bei etwa 2,1 Prozent. In England ist die Quote mehr als doppelt so hoch.

Die Bundesregierung hat den Personaldienstleistern Kurzarbeitergeld versprochen. Damit übernimmt sie das Geschäftsrisiko der Branche. Wird dieser Rettungsschirm genutzt?

Wie stark das Kurzarbeitergeld von den Zeitarbeitsfirmen genutzt wird, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Dass sich die Bundesregierung zu diesem Schritt entschlossen hat, ist aus Marktsicht ein positives Signal. Es zeigt, dass die Arbeitsplätze bei den Zeitarbeitsfirmen politisch den gleichen Stellenwert haben wie in anderen Branchen.

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