Heimarbeit
Nichts wie weg aus dem Büro

Die Deutschen fühlen sich nicht wohl an ihrem Arbeitsplatz. Sie sehnen sich nach mehr Privatsphäre und einer flexibleren Zeiteinteilung. Statt jeden Tag ins Büro zu trotten, würden die meisten Angestellten viel lieber von zu Hause arbeiten. 82 Prozent wünschen sich zumindest gelegentlich die Möglichkeit, ihre Arbeit von zu Hause aus zu erledigen. Das hat eine Befragung des Karriereportals Monster.de unter 11 757 europäischen Teilnehmern ergeben, darunter 2 621 Deutschen.

DORTMUND. „Die Menschen haben ein Urbedürfnis nach Privatheit“, betont Michael Kastner, Professor für Organisationpsychologie an der Universität Dortmund. Und dieses Bedürfnis wird vor allem von den Planern moderner Großraumbüros schlichtweg ignoriert. Eigentlich wurden sie eingeführt, um die Leistung zu steigern.

Doch wer kann sich schon richtig auf die Arbeit konzentrieren, wenn der Lärmpegel hoch und die Luft schlecht ist? Selbst in den intimeren Zwei-Mann-Zellen nervt es, wenn der Kollege oft und lange und telefoniert. Selbst wenn es seine Aufgabe ist. In den USA geht der Trend bereits zu festgelegten Ruhe-Zeiten im Büro. „Von zehn bis zwölf darf dann niemand an die Tür klopfen oder anrufen, damit die Leute ungestört an einem Stück denken und arbeiten können“, berichtet Wilhelm Bauer, Institutsdirektor am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Seine Beobachtung: Die Angestellten wollen sich dem Zwang der „kontinuierlichen Verfügbarkeit“ entziehen.

„Immer mehr Menschen haben den Wunsch, ihre persönliche Work-Life-Balance selbstverantwortlich zu organisieren“, betont Bauer. Das heißt: Die Arbeitnehmer möchten flexibel sein bei der Einteilung ihrer Arbeit. „Die Motive für diesen Wunsch sind höchst unterschiedlich“, erläutert Bauer. Der eine möchte tagsüber häusliche Arbeiten erledigen und die Kinder beaufsichtigen. Der andere wünscht sich eine flexiblere Freizeitgestaltung, um schon morgens ins Fitnessstudio zu gehen und sich lieber erst abends an den Schreibtisch zu setzen. Der Anteil derer, die gerne gelegentlich in den eigenen vier Wänden arbeiten wollen, schätzt Bauer auf die Hälfte bis Dreiviertel.

Für die meisten aber bleiben Home-Office-Tage auch im Zeitalter des Internet ein Traum: Bauer zufolge geht selbst bei Großunternehmen nur jeder zehnte Mitarbeiter regelmäßig Telearbeit nach. Das Statistische Bundesamt errechnete, dass im vergangenen Jahr 1,8 Millionen aller 35,7 Millionen Erwerbstätigen hauptsächlich und 3,3 Millionen gelegentlich zu Hause arbeiteten.

Ausschließlich am heimischen Schreibtisch schaffen – das wollen jedoch nur die wenigsten. Nach der Untersuchung von Monster möchten 40 Prozent „die meiste Zeit“ zu Hause für die Firma arbeiten und knapp 31 Prozent „von Zeit zu Zeit, wenn es sich anbietet“.

Experten halten es für angebracht, mindestens einen Tag pro Woche ins Büro zu gehen. „Einen vollen Arbeitsplatz zu Hause empfehle ich nicht“, unterstreicht Marianne Resch, Professorin am Internationalen Institut für Management der Universität Flensburg. Wer nur in den eigenen vier Wänden tätig ist, keine Kollegen oder Vorgesetzten sieht, verliert schnell den Anschluss und beginnt, mit seinem Hund zu sprechen. „Tief gehende Gespräche oder soziale Interaktion sind eben nicht per Telefon oder E-Mail möglich“, bestätigt Bauer.

Resch warnt davor, das Home Office als Allheilmittel zu ansehen: „Die autonome Einteilung der Zeit bedeutet auch eine Gefahr. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit sind in den eigenen vier Wänden aufgehoben.“ Ob Arbeit von zu Hause gelingen kann, ist vor allem eine Typfrage und hängt nicht zuletzt von den familiären Verhältnissen ab. Resch: Wer nebenbei Kinder betreuen muss, kann nicht vernünftig arbeiten.

Doch selbst wenn die Voraussetzungen für’s Arbeiten zu Hause stimmen, geben die Unternehmen dem Wunsch nach Telearbeit oft nicht statt. Arbeitsforscher Bauer: „Der Chef hat Angst, die Kontrolle zu verlieren.“ Denn er muss verstärkt über Ziele führen und kann nicht mehr jeden Schritt überwachen. „Der kann dann eben nicht mehr eine Tür weiter gehen und fragen: Kalle, wie sieht’s aus: Bist du fertig?“

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