Heimlichkeiten lohnen sich nicht
Die 100-Prozent-Bewerbung

Um den Personaler mit Ihrer Bewerbungsmappe zu überzeugen, hat der Bewerber nur wenige Sekunden Zeit. Höchstens ein paar Minuten. In dieser Zeit muss seine Mappe ein Kunststück vollbringen: auffallen, interessieren, überzeugen. Personalmanager geben Tipps, wie die perfekte Bewerbungsmappe aussieht.
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Fließbandarbeit, nichts als Fließbandarbeit. 18 000 Bewerbungen kriegt die zentrale Personalabteilung der Bayer-Werke jedes Jahr. Bei Audi sind es 20 000. Das ist so viel, wie ein 7,5-Tonner-LKW fasst. Und Porsche, eine sexy Marke, für die jeder gerne arbeiten möchte, kriegt 30 000 Mappen. Spitzenreiter dürfte wohl Siemens sein: 120 000 im Jahr.

Doch aus den riesigen Dokumentenbergen werden ganz schnell ganz kleine Häufchen. Im ersten Filterprozess genügt ein schneller, erfahrener Blick: „Foto, Abschluss, letzte Position, Alter - ein paar Sekunden, das reicht für die erste Runde“, sagt Michael Geke, dessen Unternehmen Refline Dokumentenmanagement im Bewerbungsprozess anbietet. „Einen intensiveren Blick in den Lebenslauf, in Zeugnisse und mögliche Arbeitsproben werfen die meisten Personalbeschaffer erst in der zweiten Selektionsrunde“, sagt er. Aber dahin muss man erst mal kommen.

Für den Bewerber heißt das: Um überhaupt bis zum Gespräch vorzudringen, muss er besser sein als mindestens 80 Prozent seiner Konkurrenten. Und wie das geht, dazu gibt es zwar viele Einzelansichten, aber auch viel Konsens im Wesentlichen: Klar, strukturiert, übersichtlich - das ist der größte Wunsch aller Personalselektierer.

Sein oder Nichtsein: In 15 Minuten fällt die Entscheidung

Sie haben keine Lust, sich im Lebenslauf von der Volksschulzeit über lauter Kurzpraktika durchzusuchen, um dann endlich auf Seite drei zu erfahren, wo der Kandidat heute arbeitet. 15 Minuten dauert es bei Siemens im Schnitt, bis die Entscheidung fällt: Einladung oder Absage.

Verglichen mit der Auslesepraxis anderer Arbeitgeber ist das lang: Etwa die Hälfte der 400 Unternehmen, die das Münchener Beratungsinstitut Psychologie Transfer befragte, hat pro Bewerber bis zur endgültigen Entscheidung höchstens zehn Minuten übrig. Weitere 25 Prozent nehmen sich fünf Minuten oder noch weniger. Und einige Top-Adressen haben ihre Effizienz bis in den Sekundenbereich gesteigert.

Das ist erklärlich, verschlingt doch das Thema Personalbeschaffung riesige Kapazitäten. In den Personalabteilungen der Dax-30-Unternehmen sind allein mit diesen Arbeiten 20 oder mehr Menschen befasst.

Aus diesem Grund gibt es eine stetig wachsende Zahl von Dienstleistern, zu denen sich neben den klassischen Personalberatern inzwischen auch die Online-Stellenbörsen und Dokumentenmanagement-Spezialisten gesellen. Sie bieten den Unternehmen Anzeigenschaltungen mit Rücklaufmanagement, Vorselektionen von Kandidaten über Online-Assessments oder aber, wie Michael Geke von Refline, die integrierte Dokumentenaufbereitung von Papier-, E-Mail- und Online-Bewerbungen an.

E-Mail-Bewerbungen kommen noch sehr unterschiedlich an

Für den Bewerber bedeutet dieser Trend zur Auslagerung und Automatisierung vor allem eins: Bevor seine Mappe auf dem Tisch des potenziellen Fachvorgesetzten landet, muss sie erst über den Tisch von Menschen, die möglicherweise gar kein Interesse daran haben, in die Feinheiten von Lebenslauf und Zeugnissen einzusteigen, sondern weitgehend schematisiert nach bestimmten Reizworten suchen: Studienfach, Berufserfahrung, Position, Alter...

Beschleunigt wird das Vorrücken solcher Instrumente im Bewerbermanagement von einer stetig steigenden Zahl von Online- und E-Mail-Bewerbungen. Zurzeit ist die Beliebtheit solcher Bewerbungen noch sehr unterschiedlich. Die gleichen Chancen wie eine Papierbewerbung hat sie am ehesten bei technologiegetriebenen Unternehmen wie Siemens. Doch Vorsicht: Für viele Personalmanager ist die Online-Bewerbung immer noch kein gleichwertiger Ersatz, und deshalb akzeptieren sie sie zwar als erste Kontaktaufnahme, fordern dann aber noch die klassischen Unterlagen an.

Der Hamburger Personalberater Claus Peter Müller-Thurau ist so ein Dienstleister, der reihenweise Bewerbungsmappen liest - und auf den ersten Blick überzeugt werden will. Müller-Thuraus Favoriten sind Bewerber, die einfach aufgebaute, gut strukturierte Unterlagen präsentieren. „Die Mappen sollten so benutzerfreundlich wie möglich sein“, wünscht sich der Berater. Darunter versteht er: kurze Anschreiben, übersichtliche Lebensläufe und eine schlichte Aufmachung. „Viel Weiß, viel Luft, oben rechts das Foto. Fertig.“

Landet bei ihm eine Bewerbung mit farbigem Papier, „weckt das schon meinen Argwohn“. Verzierungen, seitenfüllende Fotos, ein kompliziertes Inhaltsverzeichnis, eng gefüllte oder handbeschriebene Seiten kommen bei ihm überhaupt nicht an. „Das hält nur auf, und die Unternehmen brauchen keine Zeitdiebe.“

Ausgefallene Ideen haben auch ihren Reiz

Einige der befragten Unternehmen jedoch bewerteten kleinere Abweichungen von Müller-Thuraus Minimalismus durchaus positiv. Beim Einzelhandelskonzern Globus zum Beispiel sind leicht ausgefallene Ideen wie eine „CD-Rom zur Eigenpräsentation“ ganz gern gesehen.

Personaler und Fachvorgesetzte sind auch nur Menschen. Und deshalb passiert auch bei ihnen viel aus dem Bauch heraus. Der Augsburger Psychologie-Professor Oswald Neuberger ließ einige seiner Studenten beim Mappen-Picken zuschauen. Sie stellten „die eigenartigsten Stereotype“ fest, sagt Neuberger. Zum Beispiel, dass Personalmanager manchmal höchst einseitige, persönliche Vorlieben haben - das können Noten sein, Auslandsaufenthalte oder eine bestimmte Studentenorganisation.

Danach kann wohl auch die Bedeutung des Bewerbungsfotos kaum überschätzt werden. Neubergers Studenten registrierten, wie „zuallererst die Bilder bewertet werden, ohne den Lebenslauf anzusehen. Leute, die das ‚falsche‘ Bild schicken, fallen dann gleich durch“. Auch die meisten der befragten Personalverantwortlichen legten Wert auf ein hochwertiges, professionell fotografiertes Bild vom Bewerber. Ob farbig oder schwarz-weiß, ist egal.

Auf die Form kommt es an

Es empfiehlt sich, peinlichst auf die Form zu achten. Tippfehler, Eselsohren oder Fettflecken machen immer einen schlechten Eindruck. Personalberater Claus Peter Müller- Thurau: „Mich stört nicht die Nachlässigkeit an sich, sondern dass das Vier-Augen-Prinzip nicht eingehalten wurde. Wer nicht einmal in eigener Sache einen Freund oder Bekannten seine Unterlagen prüfen lässt - der wird es wohl auch nicht beim neuen Arbeitgeber tun.“

Doch die meisten Personalverantwortlichen ärgern sich viel mehr über lieblose 08/15-Anschreiben als über Formfehler. Deshalb raten Gitte Härter und Claus-Peter Müller- Thurau, zunächst einmal gründlich nachzudenken, bevor Bewerber sich an den Computer setzen: Welche Qualifikation wird in einer Stellenanzeige gesucht? Entspricht das meinem persönlichen Berufsziel? Was motiviert mich, auf die Anzeige zu antworten?

Erfolgreiche Bewerber machen deshalb sofort klar, warum ausgerechnet sie die richtige Frau oder der richtige Mann für den Job sind. Wer sich auf Stellenanzeigen bewirbt, findet in der Regel im Anzeigentext die Reizworte, die ziehen. Diese Schlüsselbegriffe sollte das Anschreiben aufgreifen - denn damit beweist der Bewerber: Ich habe erkannt, um was es geht. Die Sprache der Anzeige liefert auch Hinweise auf den gewünschten Stil des Anschreibens: Ob ein lockerer oder betont zurückhaltender der richtige Ton ist.

Heimlichkeiten lohnen sich nicht

Auf Individualität zu verzichten, Persönlichkeit zu verschweigen - das wäre gewiss ein großer Fehler. Ungewöhnliche Biographien sind zunächst einmal interessant und nicht zwangsläufig eine Erfolgsbremse. So kann der Einzelhandelskonzern Globus einer einjährigen Weltreise etwas abgewinnen. Personalreferent Alexander Eckhardt: „Der Bewerber hebt sich damit ab und hat auf der Reise vielleicht viel gelernt.“

Heimlichkeiten lohnen übrigens nicht. Einstimmig urteilten sowohl die Experten über den Umgang mit Lücken im Lebenslauf, langen Studien- oder Fehlzeiten sowie schlechten Noten: Offensiv sein - das sei allemal besser, als kritische Punkte zu verschweigen. Diesen Standpunkt vertritt auch Handelsblatt-Autor Bernd Andersch: „Überzeugender ist der Kandidat, der zu seinem Lebenslauf steht.“

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Weitere Tipps finden Sie im neuen Bewerbungsratgeber von Junge Karriere online: Wie sieht die perfekte Mappe aus? Worauf kommt es im Arbeitszeugnis an? Darüber hinaus gibt es Beispielanschreiben, einen Ratgeber für Online-Bewerbungen, Headhunter-Adressen und einiges mehr. Bewerbungs-Ratgeber: Hier geht's los!

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