Hundert Jahre Tongji-Universität in Schanghai
Tongji – eine deutsch-chinesische Geschichte

Vor hundert Jahren gründete der deutsche Arzt Erich Paulun die Tongji-Universität in Schanghai. Handfeste deutsche Wirtschaftsinteressen und das Interesse chinesischer Kaufleute an westlichen Schulen machten das Projekt möglich.

SCHANGHAI. Erich Paulun ist der Name, der am häufigsten zu hören ist, wenn es um die Geschichte der Tongji-Universität geht. Um die Jahrhundertwende gründete er die deutsche Medizinschule und legte damit das Fundament einer Universität, die in China in einem Atemzug mit deutschen Bildungsidealen genannt wird.

Pauluns Schatten als Förderer der medizinischen Ausbildung in Schanghai ist so groß, dass andere wichtige Gestalter der akademischen Beziehungen zwischen China und Deutschland leicht in Vergessenheit geraten. Der Politikwissenschaftler Professor Li Lezheng hat Archive durchforstet und Nachkommen der Gründer aufgespürt. In seinem neuen Buch „Die Tongji-Universität in der deutschen Chinapolitik“, das anlässlich der Hundertjahr-Feier der Tongji in diesen Tagen in China erscheint, zeichnet er dabei ein faszinierendes Bild der Universitätsgeschichte in der Zeit zwischen 1907 und 1941.

Deutsche Bildungspolitik und chinesische Schulreform

Mehrere Faktoren haben seinen Recherchen zufolge die Gründung der deutschen Medizinschule in Schanghai begünstigt. Auf deutscher Seite waren es vor allem die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, Handels- und Wirtschaftsinteressen sowie die Tätigkeit deutscher Ärzte in Schanghai. Auf chinesischer Seite wurde die Gründung durch Chinas Schulreform ermöglicht und durch das Interesse und die Bereitschaft der Chinesen gefördert, westliche Schulen in Schanghai zu gründen. So ersuchte 1906 eine chinesische Delegation das Preußische Kulturministerium und das Auswärtige Amt um Hilfe beim Aufbau neuer Schulen.

Als einen der wichtigsten Förderer und Befürworter der Medizinschule, die 1908 in Tung-Chi Deutsche Medizinschule umbenannt wurde, nennt der Buchautor Li Wilhelm Knappe, der bis 1906 deutscher Generalkonsul in Schanghai war. Knappe habe bereits 1904 in Berlin erste Gespräche über das Projekt geführt und später für die Finanzierung bei deutschen wie chinesischen Geldgebern geworben, recherchierte Li.

Die Wurzeln der Hochschule liegen in der Zeit um das Jahr 1900, als zunächst das Tongji Hospital gegründet wurde, für das sich der Diplomat Wilhelm Knappe einsetzte. „Der Generalkonsul spielte sogar die wichtigste Rolle bei der Gründung der Medizinschule“, meint Li. Auf eigene Faust hätte Paulun die Gründung angesichts des hohen Finanzbedarfs sicherlich nicht geschafft. Knappe hingegen habe über den Tellerrand hinausgeblickt, die Bedeutung der Schulgründung erkannt und erfolgreich chinesische Geschäftsleute für das Projekt gewonnen.

Chinesische Kaufleute finanzierten das Hospital mit

Bei der Gründung des Hospitals fand Knappe Unterstützung bei Ye Chengzhong, der sich auch als Mäzen einer der berühmtesten Schanghaier Mittelschulen einen Namen gemacht hatte. Das Interesse an der Medizinschule stieg mit der wachsenden Bevölkerungszahl. Schanghai war damals eine Zuwandererstadt, vor allem Bauern suchten Arbeit in den Fabriken. Zwischen 1910 und 1927 verdoppelte sich die Bevölkerung annähernd, was den Ausbau der medizinischen Versorgung zwingend erforderlich machte. Die modernen Wirtschaftsstrukturen ließen zugleich eine immer reichere und mächtige städtische Elite heranwachsen, die durchaus bereit war, sich lokal karitativ zu engagieren.

Zu den Kaufleuten, die als Spender hervortraten, zählten Yu Xiaqing und Zhu Baosan, beide aus der ostchinesischen Küstenstadt Ningbo. Beide saßen im Kuratorium der Tongji Medizinschule. Die deutsche Medizinschule in Schanghai war eine von zehn deutschen Schulen, die zwischen 1907 und 1912 zur Stärkung der wissenschaftlich-technischen Ausbildung eingerichtet wurden. Die Vertreter der deutschen Industrie waren vor allem an der Erweiterung um einen technischen Ausbildungszweig interessiert. 1912 wurden Medizin- und Ingenieurschule zusammengeführt.

Dass die Tongji-Universität bis heute ohne Unterbrechung bestehe, sei deutschen Industriellen wie Carl Fink, dem früheren Vorstandsmitglied der deutschen Vereinigung Schanghai und chinesischen Förderern gleichermaßen zu verdanken. „Die Tongji Medizin- und Ingenieurschule unterbrach nicht einen einzigen Tag ihren Lehrbetrieb“, sagt Li. Obgleich China Deutschland im ersten Weltkrieg 1917 den Krieg erklärt hatte, wurde die Tongji im Gegensatz zu anderen deutschen Einrichtungen seinen Recherchen nach niemals geschlossen.

Den Grund sieht Li in der Beteiligung der chinesischen Kaufmannschaft. „Im Kuratorium saßen reiche chinesische Kaufleute, später auch einflussreiche Politiker. Diese Leute hatten großen Einfluss in der Bildungspolitik. Als die Franzosen das Gebiet, in dem die Schule lag, besetzten, entschieden sich die chinesischen Kuratoren, die Schule zu retten und beschlossen den Umzug nach Wusong“, sagt der Sohn des ehemaligen Tongji-Präsidenten Li Guohao. „Als rein deutsche Schule wäre die Weiterführung und Entwicklung der Tongji in Wusong schwierig gewesen."

* Anja Feldmann arbeitet als DAAD-Lektorin am Chinesisch Deutschen Hochschulkolleg der Tongji-Universität in Schanghai

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