Im Etat klafft ein Loch: Uni Witten-Herdecke kämpft um Existenz

Im Etat klafft ein Loch
Uni Witten-Herdecke kämpft um Existenz

Die private Universität Witten-Herdecke ist in eine wirtschaftliche Schieflage geraten: Im Haushalt fehlt eine Million Euro. Gerüchte sprechen von Insolvenz und Entlassungen.

Steht die Universität Witten-Herdecke, Deutschlands Pionier-Privathochschule, vor dem Zusammenbruch? Diese Frage beschäftigt seit einigen Tagen Insider der Hochschulszene, nachdem der amtierende Uni-Präsident Konrad Schily mit düsteren Äußerungen Anlass zu den wildesten Spekulationen gegeben hat.

Von Handelsblatt Karriere & Management mit den Gerüchten über einen drohenden Konkurs konfrontiert, leugnet Hochschulpräsident Konrad Schily die Probleme nicht: „Uns fehlt im laufenden Jahr eine Million Euro bei einem Gesamtetat von 28 Millionen.“ Existenzbedrohend sei das aber noch nicht: „Uns ist es schon mal besser gegangen, aber ein Konkurs steht keinesfalls bevor.“

Dies aber nur, sollte sich die Lage nicht verschlechtern. Schily räumt ein: „Eng würde es, wenn uns die Million am Ende des Jahres immer noch fehlt.“ Dann käme das Privatunternehmen ohne einschneidendere Maßnahmen nicht über die Runden.

In einem internen Dokument, das Handelsblatt Karriere zugespielt wurde, zitiert der Betriebsrat den Hochschulpräsidenten bereits mit der Ankündigung von „betriebsbedingten Kündigungen in erheblichem Umfang“. Gegenüber dem Handelsblatt relativiert Schily: „Ich habe nur gesagt, dass wir betriebsbedingte Kündigungen dann nicht ausschließen können, wenn die Lage so bleibt, wie sie ist.“

Zur Disposition zu stehen scheinen aber in jedem Fall zwei namentlich bekannte Lehrstühle: der für Unternehmensführung und -beratung von Prof. Gerd Walger und der für Wirtschaftspolitik und öffentliche Finanzen von Prof. Wolfgang Benkert.

Hinter vorgehaltener Hand wird allerdings geflüstert, dass dies nur mittelbar mit der Finanzlage zu tun habe. Auch Schily bestätigt die Annahme, dass es sich hier um eine strategische Neuausrichtungen handelt. „Die Wirtschaftsfakultät wird neue, internationale Bildungsangebote und Studiengänge starten.“ Und: „Um unabhängiger von Spenden zu werden, hat die Universität Witten/Herdecke begonnen, ihre Aktivitäten in der Weiterbildung und der klinischen Forschung wesentlich auszubauen.“

Finanzielle Probleme sind für die Anfang der 80er-Jahre begründete Hochschule keine Neuigkeit. Als private Einrichtung – geführt als gemeinnützige GmbH – ist Witten-Herdecke von der Spendenbereitschaft von Unternehmen und anderer Wohltäter abhängig.

„Wir leben von geschenktem Geld, und das ist in einer Zeit, in der es allen schlecht geht, nicht leicht zu kriegen“, sagt Schily. So gilt es als offenes Geheimnis, dass die Universität schon einmal untergegangen wäre, hätte sich das Land Nordrhein-Westfalen nicht bereit gefunden, mit einer Geldspritze einzuspringen.

Für das Geschäftsjahr 2001/2002 (Ende: 30.9.) weist die Bilanz Einnahmen in Höhe von 27,9 Millionen Euro aus, davon 32 % durch Spenden, Stiftungen (u.a. Bertelsmann) und Sponsoren, 17% durch Landesförderung und 16% Erlöse der Zahnklinik. Nur 7 % bringen die Studiengebühren.

In der deutschen Hochschullandschaft ist Witten-Herdecke als eine der ersten privatwirtschaftlichen Universitäten Pionier und Außenseiter zugleich. Denn neben den Wirtschaftswissenschaften bieten die Ruhrgebietler auch teure Studienfächer wie Humanmedizin, Zahnmedizin und Biochemie. Konkurrenten wie die WHU in Koblenz oder die European Business School EBS in Oestrich-Winkel beschränken sich als reine Wirtschaftshochschulen auf die Manager-Ausbildung.In Witten Herdecke beginnen zurzeit 50 Wirtschaftswissenschaftler jährlich ihr Studium, die Regelstudienzeit liegt bei neun Semestern. Besonders die Förderung von Praxiserfahrung und Auslandsaufenthalten hat sich die Uni auf die Fahnen geschrieben.

Zudem versteht sich die anthroposophisch inspirierte Universität auch wegen ihres ganzheitlichen Ansatzes als Modell. So ist das Herzstück des Ausbildung von 1 100 Studierenden das fächerübergreifende Studium fundamentale. Vater dieses Gedankens ist Konrad Schily, der die Institution Anfang der 80er-Jahre gründete. Als der Schweizer Walther Zimmerli im Sommer letzten Jahres sehr überraschend das Handtuch warf, musste Schily wieder als Präsident einspringen. Zimmerli baut nun, mit viel Geld ausgestattet, die Wolfsburger Auto Uni, die Firmenlehranstalt des Volkswagen-Konzerns.

Doch trotz aller Sorgen: Die Hochschule hat sich in ihrer zwanzigjährigen Geschichte einen guten Ruf erwerben können – auch in der Hochschulszene. Die Universität hat das Promotions- und Habilitationsrecht und die wissenschaftliche Anerkennung auch durch den Wissenschaftsrat.

Und deshalb kämpft Schily um sein Werk. Der Geist der Hochschule soll um jeden Preis erhalten bleiben. Und er betont: „Unser Bildungsmodell ist mehr als ein Geschäftsmodell.“

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