Im Gespräch mit: Pokerprofi Eduard Scharf
„Ihre Geschichte muss stimmen"

Eduard Scharf ist seit 17 Jahren professioneller Pokerspieler, als einziger Deutscher gewann er zwei Weltmeistertitel. Im Interview verrät er, wie man sein Gegenüber durchschaut und in die Irre führt.
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Herr Scharf, Sie sagen, zwischen Verhandlungen und Pokerspielen gibt es einige Parallelen. Welche denn?

In beiden Situationen gewinnt derjenige, der sein Gegenüber besser einschätzen kann, dessen Motive, aber auch dessen Taktik durchschaut und entsprechend darauf reagiert. Das kann bedeuten, dass man am Anfang ein paar unbedeutende Niederlagen hinnimmt, um hinterher den Pott zu gewinnen. Vor allem aber kommt es darauf an, seine Mitspieler anfangs genau zu studieren und deren Charakter einzuschätzen.

Was hat der Charakter damit zu tun?

Wenn ich weiß, der andere hat ein Egoproblem, weil er mir und allen anderen am Tisch was beweisen will, sagt mir das viel über seine Spielstrategie. So jemand pokert in der Regel hoch, also auf maximales Risiko, ist aggressiv und verbissen. Dieser Typ spielt sich selbst um Kopf und Kragen. Dazu muss man selber wenig beisteuern - nur solide weiterspielen.

Angeblich können Pokerprofis in Mitspielern lesen wie in einem Buch. Was lesen Sie dort?

Ja, das ist ein schönes Klischee. Aber ganz so leicht ist das nicht. Anfänger kann man zum Beispiel so gut wie gar nicht lesen. Die können in der Regel kaum einschätzen, wie gut ihr Blatt ist und wie man damit spielen muss. Entsprechend unstrategisch verhalten sie sich. Viel eher verraten sich mittelstarke und Profispieler. Wobei das sicherste Zeichen dafür, dass ihnen einer etwas vormachen will, seine Geschichte ist. Auch das ist wie bei einer Verhandlung: Ob Sie nun um einen Rabatt feilschen, weil Sie angeblich ein noch besseres Angebot haben, oder vorgeben ein starkes Blatt auf der Hand zu haben - beide Male müssen Sie sich konsistent verhalten. Wenn einer erst aggressiv setzt und dann bei der nächsten Runde mit dem Einsatz zögert, heißt das meist, dass er blufft. So oder so: Ihre Geschichte müssen Sie das gesamte Spiel durchhalten.

Und was verrät Ihnen die Körperhaltung?

Nicht so viel, wie den anderen in ein Gespräch zu verwickeln. Wie einer antwortet, ob seine Stimme zittert und ob er mir dabei in die Augen schaut, verrät mehr. Wer sich stark fühlt, ist gesprächig. Wenn einer aber blufft, will er möglichst wenig über sich verraten, wird still - und verrät so doch einiges über sich. Machen Sie aber bitte nie den Fehler, sich nur auf ein Indiz zu verlassen. Erst mehrere Merkmale geben Ihnen einen verlässlichen Hinweis.

Gibt es ein gutes Pokerface?

Das wird überschätzt. Man liest viel weniger aus einem Gesicht, als die meisten meinen. Zumal Männer erstaunlich gut darin sind, eine möglichst ausdruckslose Miene aufzusetzen. Frauen tun sich damit schwerer. Dafür lesen sie umso besser aus Sprache, Mimik und Gesten.

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