Im Kampf um Aufmerksamkeit ist jedes Mittel recht
Auf der Schleimspur zum Erfolg

Wie sich Amerikas Angestellte mit dem Prinzip Kiss my Butt nach oben hangeln – und Chefs auf die Masche hereinfallen.

LOS ANGELES. Norm Tamkin mag eigentlich keine blauen Hemden mit weißen Kragen. „Zu konservativ, zu altbacken“, sagt der Buchhalter aus dem kalifornischen Santa Monica. Seit einigen Wochen allerdings trägt der 36jährige fast jeden Tag ein blaues Hemd mit weißem Kragen, wenn er ins Büro kommt. Der Grund: Tamkin will seine Chance nutzen, in der Karriereleiter endlich ein paar Sprossen nach oben zu klettern.

Nur was hat ein blaues Hemd mit der Karriereleiter zu tun? Der smarte Buchhalter selbst liefert die Erklärung: „Mein Chef ist ganz vernarrt in diese Office-Uniform. Er trägt diese Hemden fünf Tage lang in der Woche, und er bevorzugt diejenigen Untergebenen, die es ihm nachtun.“

Die amerikanische Management-Kultur, durch die jüngsten Unternehmensskandale wie Enron und Worldcom arg gebeutelt, sucht nach neuen Wegen aus der Beschäftigungskrise. Dabei durchlebt eine altbewährte und doch fast schon vergessene Taktik plötzlich eine Renaissance. Kiss my Butt, nennen die US-Forscher jenen Karriereansatz, der so einfach wie bei Kollegen unbeliebt ist. Übersetzt heißt das nichts weiter als „Küss mir den Allerwertesten“ und beschreibt, wie vor allem Angestellte im mittleren Management versuchen, in die oberen Stockwerke der großen Unternehmen zu gelangen. Denn das Schleimen, Nachmachen und ständige Kopfnicken steht heute ganz oben auf der Arbeits-Liste derjenigen, die die US-Karriereleiter erklimmen wollen.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

„Die Bosse müssen auf Dich aufmerksam werden. Gute Arbeit allein reicht in der harten Geschäftswelt von heute nicht mehr“, meint Buchhalter Tamkin. Lean Management, anhaltende Absatzkrisen und Werbeeinbußen lassen auch weiterhin einst sicher geglaubte Jobs dahinschmelzen wie Schokoladeneiscreme am sonnigen Muskelstrand von Venice Beach.

Und so muss eine neue Taktik her. Im morgendlichen Meeting beim Buchhaltungs-Riesen Holthouse Carlin & Van Trigt kommt es deshalb oft zu dubiosen Begegnungen. Taucht einer der einflussreichen Partner der Firma am Montag in einem Anzug mit Hosenträgern auf, ist es fast garantiert, dass zumindest ein Drittel der am Vortag anwesenden „Associates“ schon am Dienstag den Gürtel gegen die Gummiriemen eingetauscht hat. „Es ist lächerlich, wie sehr sich erwachsene Menschen um die Gunst ihres Vorgesetzten bemühen“, erzählt Tamkin.

Männer wie Frauen interessieren sich plötzlich für die laschen Baseball-Spieler der Los Angeles Dodgers, zerren gar ihre Familien am Sonntag Nachmittag ins Stadion – nur, um dort eventuell den Chef zu treffen, der „die Dodgers doch unheimlich toll findet“.

Kiss my Butt greift um sich wie ein Lauffeuer

Das Kratzen und Scharren um so genannte Brownie Points, eine Art intellektueller Kuchenkrümel für besonders erfolgreiches Schleimen im Job, geht sogar soweit, dass Angestellte denselben Autohändler wie der Vorgesetzte aufsuchen – nur um an der Kaffeemaschine ein gemeinsames Thema ansprechen zu können. „Ich tue alles, damit meine Chefin auf mich aufmerksam wird“, sagt ein Angestellter einer großen Finanzberatung in Los Angeles. Aus Angst vor Repressalien seiner Kollegen besteht der 28-Jährige darauf, anonym zu bleiben.

Seite 1:

Auf der Schleimspur zum Erfolg

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%