Ingenieurmangel
„Uns bleibt nur die zweite Garde“

Der Ingenieurmangel schlägt auf die Hochschulen selbst zurück. Weil sie immer weniger mit der Industrie konkurrieren können, müssen sich Universitäten und Fachhochschulen zunehmend mit der zweiten und dritten Garde der Wissenschaftler begnügen. Damit droht auch die Ausbildung dieser so gefragten Spezies Ingenieur nachhaltig Schaden zu nehmen.

BERLIN. Zum Beispiel in Hamburg. An der dortigen TU Hamburg-Harburg findet sich kein Nachfolger für den seit zwei Jahren emeritierten Leiter des renommierten Instituts für Konstruktion und Festigkeit von Schiffen, Professor Eike Lehmann. Es gab neun Kandidaten, „doch am Ende sind alle abgesprungen“ berichtet Lehmann, de bis vor kurzem auch Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) war. Der Grund: Den Großteil der Ingenieur-Professoren beziehen die Hochschulen traditionell aus der Industrie, indem sie erfahrene Konstruktionsleiter oder Forschungschefs abwerben.

Doch dort herrscht seit geraumer Zeit akuter Ingenieurmangel und so bleiben immer weniger gute Leute für die akademische Ausbildung. Und mitnichten nur im Schiffsbau, sondern fast überall. „Das bringt den Standort Deutschland in Gefahr“, warnt Lehmann.

Mit dieser Sorge steht der Schiffskonstrukteur nicht allein. Selbst der Rektor der renommierten RWTH Aachen, Burkhard Rauhut diagnostiziert ein „flächendeckendes Problem“ im Ingenieurwesen und „Gefahr im Verzug“ für die Hochschulausbildung. Beamtete Ingenieurprofessoren verdienen rund 70 000 bis 90 000 Euro jährlich. „In der Industrie verdienen sie jedoch mehr als das Doppelte, Spitzenleute noch weit mehr,“ meint Rauhut. Die Kluft habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr vergrößert.

Zuletzt senkte die neue W-Besoldung der Professoren das Niveau weiter ab, weil sie ein niedrigeres Grundgehalt definierte. Zwar gibt es nach dem neuen Recht auch Leistungszulagen, doch diese wurden auf Druck der Länder gedeckelt. Das Ergebnis ist selbst an einer gut ausgestatteten TU wie der RWTH Aachen zu spüren: „Wir könnten im Einzelfall deutlich mehr ausgeben, hätten auch das Geld, dürfen es aber nicht“, klagt Rauhut.

Schon heute gestalten sich daher die „Berufungsverfahren langwieriger und wir bekommen nicht immer die ersten auf unserer Wunschliste“. Schon in naher Zukunft könne es durchaus so sein, „dass wir nicht mehr genügend Leute bekommen und uns außerdem mit der zweiten Garde zufrieden geben müssen“.

Noch schlimmer sieht es bei den Fachhochschulen aus, die in der Hackordnung hinter den Unis rangieren. „Im Kampf um die besten Köpfe droht eine Situation, in der wir nur noch dritt- und viertklassige Leute kriegen“, sagt Andreas Geiger, Rektor der FH Magdeburg/Stendal und Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz.

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