Interview
„Der Umgang mit der Kündigung ist erlernbar“

Die Angst um den Job belastet aktuell viele Beschäftigte. Eine Kündigung bedeutet für die Menschen eine Lebenskrise, die ähnlich schwer zu verarbeiten ist wie der Verlust des Partners. Was geht in den Köpfen der Betroffenen vor, wenn der Arbeitsplatz auf dem Spiel steht? Eine renommierte Psychologin gibt überraschende Antworten.

Frau Professor Mohr, Arbeitnehmer sind in Deutschland relativ gut geschützt. Sozialsysteme und Abfindungen sichern den Lebensstandard oft auf Jahre. Warum löst eine Kündigung bei den Menschen solche Ängste aus?

Natürlich müssen Gekündigte Abstriche beim Einkommen hinnehmen. Die Angst ist also nicht ganz unbegründet, auch wenn niemand auf der Strasse leben muss. Ängste sind immer subjektiv und hängen vom Lebenskontext ab: Wer ein hohes Niveau erreicht hat, möchte es halten. Gutverdienende Führungskräfte leiden häufig unter den gleichen Verlustängsten wie unterbezahlte Angestellte.

Was geht in den Köpfen von Betroffenen vor, denen eine Kündigung droht?

Besonders kritisch ist die Phase vor der Trennung. Dann sind die somatischen Reaktionen viel heftiger als nach der Kündigung. Studien haben ergeben, dass Menschen die sich um ihren Job sorgen kurzfristig deutlich mehr Stress empfinden, als Probanden, die gerade die Kündigung erhalten haben. Grund dafür ist die Unfähigkeit zu handeln. Die Menschen fühlen sich hilflos, viele versinken in Grübeleien und Antriebslosigkeit.

Empfinden manche Menschen nach einer langen Zitterpartie die tatsächliche Kündigung als Erleichterung?

Auch wenn es komisch klingen mag: Kurz nach der Kündigung nimmt der Druck erstmal ab. Die Betroffenen haben Klarheit und können der Situation entsprechend handeln: etwa einen Anwalt einschalten, sich um einen neuen Job bemühen, bei der Arbeitsgemeinschaft die Höhe der Unterstützung ausrechnen lassen. Wer aber nicht direkt einen neuen Job findet, dem drohen in der Folgezeit weitere Krisen. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist eine Lebenskrise, psychologisch vergleichbar mit dem Tod eines nahen Angehörigen.

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