Interview
Eine große Adresse?

Ein gutes halbes Jahr nach der offiziellen Gründung nimmt die European School of Management and Technology (ESMT), die neue deutsche Super-Business School, ihre Aktivitäten auf. Doch außer der vermeintlich prestigereichen Adresse im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude ist die Schule weitgehend eine Hülle. Das Handelsblatt sprach mit ESMT-Präsident Derek Abell über den Stand der Dinge.

Gut sechs Monate nach dem offiziellen Gründungsakt in Berlin startet die ESMT mit einem sehr kleinen Programm - in München. Nicht gerade ein brillianter Start für eine Business School, von der ihre Gründer um den (ehemaligen) Thyssen-Krupp-Chef Gerhard Cromme erklärten, sie werde in zehn Jahren das "deutsche Harvard" sein...

Das Sprichwort sagt: Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Ein anderes: Jeder lange Marsch beginnt mit einem kleinen Schritt. 2003 müssen wir unsere Präsenz auf dem Markt zeigen, und mehr als vierzehn, fünfzehn verschiedene Kurzprogramme konnten wir in dieser Startup-Phase nicht meistern.

Sie starten Ihre Lehraktivitäten in München, nicht in Berlin. Ein politisches Signal?

Nein. Ganz einfach die Frage, wo erstklassige Räume zur Verfügung stehen. Aber ich bin glücklich, auch in München zu sein, weil hier unser zweiter Standort ist.

Was aber auch bedeutet, dass Sie noch immer nicht alle Probleme mit Ihrem Standort Berlin gelöst haben. War es nicht ein Fehler, den ESMT-Hauptsitz ausgerechnet in dem unter Denkmalschutz stehenden, umbaubedürftigen DDR-Staatsratsgebäude anzusiedeln?

Nein, absolut nicht. Sie werden sehen: In zehn Jahren wird Schlossplatz 1, Berlin, eine erste Adresse in der internationalen Business-School-Welt sein.

Die gegenwärtige Situation ist die folgende: Das Staatsratsgebäude wird nicht vor Mitte 2005 fertig sein. Nach fünf oder sechs Planungsrunden mit den Architekten bin ich zufrieden mit den Plänen. Das Board hat das Budget genehmigt und die Verhandlungen mit dem Berliner Senat sind weit fortgeschritten, so dass ich da keine Hindernisse mehr sehe.

Das Handelsblatt hat bereits im letzten Jahr Zweifel daran angemeldet, ob man mit 100 Millionen Euro Stiftungskapital eine erstklassige Business School hochziehen kann. Diese Argumentation hat mittlerweile fast die gesamte deutsche Presse übernommen.

Ich halte die Argumentation für falsch...

Und warum? Sie haben doch nicht einmal die 100 Millionen zusammen...

Wir haben bislang 78 Millionen Euro an Stiftungskapital eingesammelt, wozu 25 Millionen Euro von der Hertie-Stiftung kommen. Aber in Wirklichkeit wird das Stiftungskapital nicht über Erfolg oder Misserfolg der Schule entscheiden.

Warum das?

Für den laufenden Betrieb sind nur die Zinserträge des Stiftungskapitals relevant. Wir gehen davon aus, dass diese in fünf Jahren nur etwa 10 % der Einnahmen der Schule ausmachen werden. Da machen 25 % mehr oder weniger nicht viel aus.

Und wovon wollen Sie dann leben?

Das Geschäftsmodell ist einfach: Wir bieten Managerfortbildung auf höchstem Niveau und ein kleines, aber wichtiges MBA-Programm. Die hohe Qualität erlaubt hohe Preise und hohe Gewinne. Diese werden kontinuerlich in die Schaffung von neuem, relevanten Management-Wissen investiert, was wiederum die hohe Qualität garantiert.

Im Grunde wird Ihr Erfolg also davon abhängen, ob es Ihnen gelingt, deutsche Manager in Ihre Executive-Education-Programme zu bekommen und mehrere Tausend Euro für ein paar Tage Weiterbildung zu nehmen. Ist dies nicht eine unlösbare Aufgabe, in Zeiten, in denen die Unternehmen sparen müssen, zumal in einem Land, in dem es nicht üblich ist, persönlich große Beträge für Bildung auszugeben?

Meine lebenslange Erfahrung ist, dass es immer die Menschen sind, auf die es ankommt, und dass gut ausgebildete Führungspersönlichkeiten auf allen Ebenen entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens sind. Damit haben Investitionen in Top-Management-Ausbildung einen enormen Hebeleffekt. Dies gilt in guten wie in schlechten Zeiten, und smarte Unternehmen verstehen das, weil sie clevere Leute in schlechten Zeiten sogar noch mehr brauchen.

Ihre zweite wichtige Einnahmequelle soll das MBA-Programm werden. Aber wenn Sie 50 000 Euro für einen MBA nehmen wollen, müssen Sie diegleiche Qualität bieten wie IMD, Insead, London Business School, Harvard, Stanford usw. Wir sehen nicht, wie Sie das in den nächsten fünf Jahren schaffen wollen.

Sie haben wohl recht. Wir werden deshalb keinen Vollzeit-MBA anbieten, solange wir nicht das Gefühl haben, genug In-House-Kapazität dafür zu haben. Grosso modo brauchen wir mindestens 20 Vollzeit-Professoren. Aber wenn wir die einmal haben, wird unser Angebot so anders sein, dass wir für die genannten Schulen ein harter Wettbewerber sein werden.

Schwer zu glauben...

MBA-Interessenten werden zu uns kommen für unsere Leadership-Development-Programme für das mittlere Management aus Unternehmen, die neue "Lokomotiven" brauchen. Und für unsere einzigartige Kombination von privatem und öffentlichem Sektor, von Management und Technologie und von West- und Osteuropa.

Ein anderer wichtiger Punkt, an dem die ESMT bislang gescheitert ist, ist das Anlocken von "großen Namen". Tatsächlich haben Sie überhaupt noch keine Professoren...

Wenn Sie Angler wären, wüssten Sie, dass man Zeit braucht, um den großen Fisch zu landen. Aber Tatsache ist, dass wir gar nicht so sehr nach großen Fischen suchen, sondern nach unternehmerisch denkenden Management-Lehrern, die auch als Forscher die Unternehmenswelt mit neuen Augen und neuen Konzepten betrachten. Eine seltene Kombination!

Man hat den Eindruck, dass Sie insgeheim auf Distanz zu den vollmundigen Ankündigungen ("deutsches Harvard") der ESMT-Gründer gehen. Wenn wir realistisch sind, wo steht die ESMT in einem Jahr, wo in fünf Jahren?

Ich gebe der Vision der Gründer Leben, aber unvermeidlich in der Richtung, in der ich es für richtig halte. Wir werden sicherlich nicht versuchen, ein deutsches Harvard zu werden. Ich kann es nur immer wiederholen: Die ESMT wird etwas tun, was die anderen versuchen werden, nachzuahmen nicht umgekehrt.

Was die nähere Zukunft anbelangt, denke ich, dass wir in 2004 zwei bis drei Millionen Euro Einnahmen haben werden, in 2008 zehn bis zwölf, wozu noch einmal leicht 50 % Einnahmen aus besonderen Unternehmensprojekten kommen können. In Teilnehmerzahlen rechne ich mit 600 bis 700 Teilnehmer-Wochen im nächsten Jahr, und 3 500 dann in 2008. Aber das hängt natürlich davon ab, wie schnell es uns gelingen wird, exzellente Professoren zu gewinnen und wie wir auf den Markt kommen.

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