Interview mit Rolf Cremer
China erobert die Welt

Der Deutsche Rolf Cremer leitet die Ceibs Schanghai, die beste Business School im Reich der Mitte. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über den Erfolg seiner Schule und die wachsende Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt.

Die Neugründung Ceibs hat es in kürzester Zeit unter die besten Business Schools der Welt geschafft. Eine deutsche Uni ist nicht einmal unter den Top 100. Wie haben Sie das geschafft?

Wir surfen auf einer gigantischen Welle. Wir sind die beste Business School in China, und China ist einfach riesengroß und hat einen Riesenbedarf nach gut ausgebildeten Managern. Das führt zu einer Riesennachfrage bei potenziellen Studenten und auch zu einer Riesennachfrage nach unseren Absolventen.

Sie brauchten also eigentlich nicht mehr zu tun, als diese Welle zu reiten?

Vor zehn, vielleicht sogar noch vor fünf Jahren, reichte es völlig, dass sie sich einen Management-Professor von einer Business School mit einem großen Namen nach China holten, und der spulte sein Programm herunter. Das ist vorbei. Die chinesischen Studenten sind viel anspruchsvoller geworden. Um heute als Business School in China erfolgreich zu sein, müssen die Inhalte auf China zugeschnitten sein.

Das heißt: Sie machen Fallstudien über chinesische Unternehmen und passen westliches Management-Know-how an chinesische Gegebenheiten an, oder wie?

Nicht nur. China ist Teil der Globalisierung, und das heißt auch: China ist ein Akteur der Globalisierung, hat also Einfluss auf die weitere Entwicklung der gesamten Welt. Wir beschäftigen uns auch mit dieser Welt von morgen. Unsere MBA-Studenten sind ja nicht nur Chinesen, sondern kommen zu 40 Prozent aus anderen Ländern. Und unsere Absolventen gehen überwiegend in multinationale Unternehmen, die die Träger der Globalisierung sind. Und mit ihr wird die Welt auch ein Stück chinesischer werden.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie sich doch einmal genau die Werbung, die Mode oder den Film an; überall entdecken Sie schon heute ein Stück China.

Aber sind das nicht Phänomene, die sich daraus erklären, dass heute große Kosmetik-, Mode- oder Filmunternehmen eben auch den chinesischen Konsumenten und Käufer im Auge haben ...

Wenn Sie US-amerikanische Managementbücher aufschlagen, dann ist der Vorstandsvorsitzende immer eine Art John Wayne, einsam und heldenhaft. Er allein trifft die Entscheidungen und die Organisation führt sie dann aus. Quasi militärisch. Das können sie in China, ja in ganz Asien vergessen. Entscheidungen werden hier viel kollektiver getroffen. Das wird auch global aufgestellte Unternehmen verändern. Die Welt wird damit weniger individualistisch. In diesem Sinne glaube ich: Die Welt wird chinesischer werden.

Die China Europe International Business School wurde von dem chinesischen Staat, der Stadt Schanghai und der EU-Kommission ins Leben gerufen. Bei einer so "politischen" Gründung dürften die politischen Einflussnahmen der chinesischen Seite entsprechend sein ...

Überhaupt nicht! Null! Ich könnte Ihnen aus all den Jahren kein Beispiel nennen, wo wir politisch angetrieben oder zurückgepfiffen worden wären. Sie müssen sich die Lehre und Forschung, die Konferenzen und öffentlichen Vorträge an der Ceibs genau so frei vorstellen, wie das an einer europäischen Universität der Fall ist.

Wie sieht es auf der operativen Ebene aus? Da werden europäisch-chinesische Reibereien nicht ausbleiben.

Mein Co-Dekan ist Chinese. Und das ist auch wichtig. Wir haben nicht nur 53 Vollzeit- und 70 Gast-Professoren, sondern auch 300 Mitarbeiter, davon 295 Chinesen. Ich könnte als Ausländer die chinesischen Mitarbeiter auch nicht effektiv managen. Aber mein Stellvertreter ist nicht nur ein Kollege, er ist auch mein Freund. Ich sage das ganz bewusst. Das Schlüsselwort ist: Vertrauen. Wir informieren uns ständig, treffen jede Entscheidung erst, nachdem wir den anderen konsultiert haben. Das ist ein Weg, permanent gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Und wir haben eine "Vorfahrtsregel": In allen akademischen Belangen habe ich das letzte Wort, bei administrativen Dingen er. Aber nach außen vertreten wir nur eine Meinung.

Die Konkurrenz ist aufgewacht. Heißt das nicht auch, dass die Tage der Ceibs als Nummer eins gezählt sind?

Unsere Konkurrenten sind die guten US-amerikanischen Business Schools, oder die London Business School. Unsere Bewerber sind ja oft so gut, dass sie überall ihren MBA machen könnten. Die chinesischen Business Schools sind noch nicht so weit.

Aber sie holen auf - vor allem in Bezug auf die alten Kaderschmieden der chinesischen Elite!

Beida und Tsinghua, beide in Peking, werden in zehn Jahren so weit sein; in fünf Jahren werden wir ihre Konkurrenz spüren. Auch Antai, Fudan University oder Remin sind Namen, die man im Auge behalten muss. Aber das Problem der großen Universitäten ist, dass ihre Business Schools nicht autonom sind, und sie als Cash Cow betrachtet werden, die man melken kann, statt das Geld zu reinvestieren. Im Übrigen würden wir als Business School sogar von guter Konkurrenz profitieren. Heute sind wir doch eher eine Ausnahmeerscheinung. Mehr gute Business Schools in China würden die Wahrnehmung für gute Managerausbildung auch in Peking erhöhen. China braucht ein halbes Dutzend erstklassiger Business Schools.

Das Interview führte Christoph Mohr.

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