Interview mit Rolf Dobelli
"Leidenschaft kommt erst mit 30"

Der Ex-Swissair-Manager Rolf Dobelli gründete 1998 den Anbieter von Buchzusammenfassungen Getabstract. Er fing erst spät an zu schreiben. Sein Buch "Fünfunddreißig" über die Midlife-Crisis wurde ein Bestseller. Im Interview spricht Dobelli über die Entdeckung neuer Talente, Karrierewechsel und die Prinzipien für die Berufswahl.
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Wirtschaftswoche: Herr Dobelli, Sie sind 41 Jahre alt. Hatten Sie schon Ihre Midlife-Crisis?

Rolf Dobelli: Auf jeden Fall. An meinem 35. Geburtstag war ich furchtbar unglücklich. Ich wachte auf und mir gingen Tausend Dinge durch den Kopf, wie mein Leben weitergehen soll.

Was war passiert?

Bis zu diesem Tag hatte ich mich immer zur jungen Generation gezählt. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass es eine noch jüngere Generation gibt, die im Urlaub das Stadt- und Strandleben prägt und im Wirtschaftsleben an einem vorbeizieht. Außerdem nahmen die Gedanken an die Begrenztheit des Lebens zum ersten Mal Form an. Wie aus dem Nichts kreisten sie plötzlich auch um den Tod.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Über Nacht hatte ich das Bedürfnis zu schreiben. Ich habe mir mehrere Blatt Papier geschnappt und angefangen, einen autobiografischen Roman zu schreiben. Noch am Abend waren zehn Seiten voll. Am nächsten Tag habe ich gleich weitergeschrieben. Und weiter und weiter...

...eine späte Entdeckung der Leidenschaft.

Richtig. In der Schule war ich nie gut im Schreiben, für meine Aufsätze habe ich nie Spitzennoten bekommen. Freunde sagten mir später, ich solle das Manuskript einem Verlag vorlegen. Das habe ich getan. Der Roman "Fünfunddreißig" wurde ein Bestseller.

Aber Sie haben Ihre Berufung nie zum Beruf gemacht?

Berufung ist ein großes Wort. Ich glaube nicht ganz an das Heiligtum der Berufung. Jeder hat viele Vorlieben und Präferenzen und somit vielleicht 10 oder 20 Berufungen. Ich schreibe heute wie ein Besessener, meist am Wochenende. Wenn ich längere Zeit nicht mehr geschrieben habe, werde ich ganz kribbelig und unausstehlich. Das ist wie bei leidenschaftlichen Joggern, die aufgrund einer Verletzung vorübergehend nicht laufen können. Aber meinen Job als Unternehmer will ich nicht aufgeben.

Sie haben mit 33 Jahren zusammen mit Freunden die Firma Getabstract.com gegründet, den mittlerweile größten Anbieter von Buchzusammenfassungen.

Die Veränderung vom Mitarbeiter eines Konzerns in die Selbstständigkeit hat mich mehr geprägt als die Schriftstellerei. Plötzlich war ich unabhängig, für mich und die Firma verantwortlich. Ich habe schnell gespürt, dass Unternehmertum auch eine Berufung von mir ist.

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