Interview
Von Jungspunden und alten Knackern

Warren Bennis, Doyen der Forschung über Führungsstärke, macht sich Gedanken über den Zustand der Führungselite.

Was hat Sie dazu veranlasst, junge und alte Führungskräfte miteinander zu vergleichen?

Ich möchte die menschliche Entwicklung verstehen. Das ist die neue Herausforderung. In Zukunft werden in den Business Schools Lehrstühle für kognitive Psychologie und menschliche Entwicklung eingerichtet werden. Die menschliche Entwicklung wird ein wesentlicher Bestandteil in den Lehrplänen über Führungsstärke sein. Das hätte ich als Fachgebiet gewählt, wenn ich jetzt zu entscheiden hätte.

Es gibt zwei grundlegende Dinge, die mich wirklich brennend interessieren und die ich verstehen will. Zunächst einmal bin ich nicht sicher, ob ich wirklich verstehe, wie meine Studenten, die in ihren Zwanzigern und junge Führungskräfte sind, die Welt sehen. Diese Leute denken visuell, digital und virtuell. Ich will verstehen, was sie antreibt, wie sie die Welt wahrnehmen, wie sie Erfolg definieren, welche Karriereziele sie haben. Ich will verstehen, worin sie den Sinn ihres Lebens sehen.

Die zweite Gruppe - die Führungskräfte von siebzig aufwärts - besteht aus Menschen, die es alle fertigbringen, geistig offen zu bleiben und die sich ständig neu erfinden. Ich will wissen, warum diese Leute weiter wachsen und warum andere stecken bleiben. Ich habe Leute erlebt, die gerade einmal 40 sind und schon für alle Ewigkeit auf der Stelle treten. Aber diese älteren Führungspersönlichkeiten sind immer noch hungrig nach mehr. Warum?

Sind die älteren Führungskräfte - die „alten Knacker“ - nicht naturgemäß interessanter als die Jungspunde?

Ich bin einer von diesen Opas und würde es hassen, wenn ich jetzt parteiisch oder voreingenommen klänge. Aber die alten Knacker haben einfach länger gelebt und viel mitgemacht. Was die Jungspunde nicht erfahren haben, sind Bewährungsproben wie der Zweite Weltkrieg oder die Depression. Sie sind in Jahren des fast ununterbrochenen Wohlstands, Wachstums und Erfolgs aufgewachsen und geprägt worden. Sie sind oft Kinder des Überflusses. Der 11. September war daher die erste kollektive Erschütterung für die Weltanschauung, mit der sie aufgewachsen sind. Das war ein Schock für sie.

Sie haben gesagt, die Jungspunde werden von ihren Möglichkeiten erdrückt.

Die Welt steht ihnen offen und sie können wählen, was sie tun wollen. Das ruft tatsächlich Beklemmung hervor. Sie haben so viele Optionen und Möglichkeiten.

Sie argumentieren, dass Bewährungsproben in der Entwicklung der Menschen wichtig sind. Kann man sich seine eigene Bewährungsprobe schaffen?

Sie werden unaufhörlich geschaffen: Jemanden entlassen zu müssen; selbst entlassen zu werden; in ein Büro versetzt zu werden, das man nicht mag; zu denken, man sei degradiert worden, wenn das vielleicht gar nicht zutrifft. Mein Anliegen ist es herauszufinden, wie wir mit solche alltäglichen Bewährungsproben umgehen. Was fangen wir schließlich damit an? Lernen wir aus ihnen? Werden wir schlauer?

Oder erfahren wir sie wie einen Traum, der sich auflöst, wenn wir aufwachen und uns die Zähne putzen? Oder denken wir über den Traum nach und ziehen eine Lehre daraus?

Also sollten Führungskräfte sich auf die Suche nach riskanten Begebenheiten machen?

Letztendlich kann man Mandelas Gefangenschaft auf Robyn Island oder die Erfahrungen von John McCain als Kriegsgefangener in Vietnam nicht künstlich herstellen. Das sind Extreme.

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