Jing Bartz
Die Gesichtgeberin

Jing Bartz ist in China aufgewachsen und hat einen deutschen Pass. Wenn Deutsche und Chinesen wie jetzt auf der Frankfurter Buchmesse kulturell direkt aufeinanderprallen, sorgt sie im Hintergrund dafür, dass die Gespräche trotz der Kontroversen weitergehen.
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Jing Bartz ist es gewohnt, total verfahrene Situationen zu retten. Ihr Gesellenstück hat sie auf der Pekinger Buchmesse im Jahr 2007 abgeliefert. Deutschland war Partnerland, Bundeskanzlerin Angela Merkel reiste aber am Tag vor der Messeeröffnung ab. Die Chinesen strichen daraufhin dem deutschen Kulturstaatsminister die Rede. Die Deutschen waren entsetzt und baten Bartz beim Bankett in der Großen Halle des Volkes um Hilfe. "Unmöglich! Solche Verhandlungen dauern sechs Wochen", entgegnete die 41-jährige Chinesin mit dem deutschem Pass, dem deutschem Ehemann und der blonden Tochter. Ihre Stäbchen - sie aß gerade - legte sie aber trotzdem beiseite und legte los.

Die chinesischen Organisatoren gaben sich abweisend: "Vergiss es, Jing!" Da kam Bartz die rettende Idee. "Ihr seid doch unzufrieden damit, dass die Bundeskanzlerin nicht da ist. Deshalb eröffnet der Minister morgen im Namen von Frau Merkel die Pekinger Buchmesse", sprach sie ihr Gegenüber auf den erlittenen Gesichtsverlust an. Das saß. Als die Chinesen schließlich einwilligten, überzeugte Bartz die Deutschen schnell noch, dass der Minister im Namen von Frau Merkel zu reden habe: "Das ist eure einzige Chance!" Bei der Messeeröffnung schien nichts von der Hektik des Vorabends durch. Die Chinesen beschwerten sich lediglich darüber, dass der deutsche Minister die vereinbarten zwei Minuten überschritt.

Die zierliche 1,62-Meter-Frau hatte es geschafft, den Chinesen ihr Gesicht zurückzugeben und die deutschen Wünsche zu befriedigen. Das war ihr Gesellenstück, ihr Meisterstück steht ihr jetzt bevor.

Bei der Frankfurter Buchmesse, bei der China dieses Jahr Ehrengast ist, wird es für die Lobbyistin noch schwerer, die höher schlagenden Wogen zu glätten. Die Messe ist mit der vielerorts als Kotau vor chinesischen Hardlinern empfundenen Entschuldigung des deutschen Messedirektors Jürgen Boos äußerst schlecht gestartet. Der Ehrengast ist verstimmt. Die deutsche Öffentlichkeit starrt alarmiert auf die üblichen - wichtigen - Stichworte im China-Deutschland-Dialog: Menschenrechte, Pressefreiheit, Tibet. Und sie vergisst darüber fast die inhaltliche Auseinandersetzung mit den angereisten chinesischen Autoren.

In diesem Umfeld machen Menschen wie Jing Bartz, die in beiden Kulturen sozialisiert wurden, den Dialog jenseits politischer Klischees möglich und sorgen so für einen echten Austausch der Kulturen - womöglich viel nachhaltiger als die lautstarken Repräsentanten beider Länder.

Jing Bartz ist eine zurückhaltende, aber durchsetzungsfähige Frau. Im Gespräch macht sie große Augen, hört aufmerksam zu. Sie geht schnell, mit federndem Gang, auf den Zehenspitzen. Auf dem Foto ihres Lebenslaufs sind ihre Augen weit geöffnet, fast westlich rund. Ihre Stimme klingt hell, mädchenhaft, chinesisch. Nur ihr Lachen ist dunkel, das Lachen einer emanzipierten westlichen Frau. Sie spielt mit ihren Identitäten als deutsche Chinesin, chinesische Deutsche. "Sie kann gut zuhören, ist offen, lacht viel, reißt alle mit. Aber letztendlich hat sie immer gemacht, was sie selbst für richtig hielt", sagt die emeritierte Professorin Gudula Linck, die Bartz schon seit 20 Jahren kennt. "Jing war und ist, wie viele Chinesinnen, viel stärker als wir westlichen, emanzipierten Frauen." Bartz? Weg dahin war steinig.

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