Karriere-Risiko Angehörigenpflege
Lieber verschweigen

Wenn Mitarbeiter ihre Eltern pflegen und deshalb keine Karriere machen können, ist in Unternehmen ein Tabuthema. Auf Verständnis von denjenigen zu hoffen, die ihre Eltern schlechten Gewissens ins Altersheim gegeben haben und sie aus Zeitnot nur dann und wann besuchen, ist illusorisch.

DÜSSELDORF. „Manchmal fühle ich mich wie eine berufstätige Mutter“, bekennt Amelie R.*, eine Kommunikationstrainerin im Rheinland. Mit einem gravierenden Unterschied: Die 56-Jährige hat keine Kinder, um die sie sich neben ihrem Job kümmern müsste. Sie pflegt ihre 83-jährige Mutter. Ein schwer kalkulierbarer Balanceakt, der vor fünf Jahren mit der Erkrankung ihres Vaters begann.

Seitdem ist nichts mehr in ihrem Leben, wie es einmal war. Statt wie früher Kommunikationstrainings bei Weiterbildungsinstituten und Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland anzubieten, akquiriert Amelie R. nur noch in der näheren Umgebung. Sie muss ihren Tagesablauf straff organisieren, um mindestens einmal täglich bei ihrer Mutter im Pflegeheim zu sein. Zeit für Freunde oder für ihr Hobby, das Schwimmen, bleibt ihr nicht mehr.

Wenigstens in einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige findet sie Hilfe und Verständnis. Abgesehen davon, dass die Dankbarkeit ihrer Mutter sie glücklich macht. Im Job aber spricht sie über das Thema nie – bewusst: „Wer selbst keinen Angehörigen pflegt, kann sich die Belastung gar nicht vorstellen“, hat Amelie R. erfahren. „Und fünf Jahre sind ohnehin eine viel zu lange Zeit, um andere immer wieder mit denselben Geschichten zu belästigen.“

Tagsüber im Job die volle Leistung bringen, abends den an Parkinson erkrankten Vater füttern – so wie Amelie R. führen immer mehr Berufstätige – Freiberufler genauso wie angestellte Fach- und Führungskräfte – ein Doppelleben zwischen Pflege und Beruf. „Die Betreuung von Angehörigen gehört zu den großen Tabuthemen in den Unternehmen“, urteilt Marcus Schmitz, Chef der IGS Organisationsberatung aus Köln. „Dabei unterschätzen die verantwortlichen Vorgesetzten völlig, welches Potenzial ihnen verloren geht, wenn sie das Thema nicht aktiv angehen.“

Das kann Schmitz mit Zahlen belegen, und zwar mit einer Online-Umfrage unter 130 betroffenen Berufstätigen, die der Unternehmensberater mit dem Informationsdienstleister MW-Online und dem Anbieter von Mitarbeiterbefragungen, Staffadvance, durchführte: Das Gefühl, ihre Nächsten nicht im Stich lassen zu wollen, zieht sich quer durch alle Hierarchiestufen.

Sieben Prozent der Befragten, die neben ihrem Job mindestens einen Pflegefall betreuen, waren Top-Manager der ersten oder zweiten Führungsebene. 14 Prozent kamen aus dem mittleren Management und waren beispielsweise als Bereichs- oder Abteilungsleiter tätig, zwölf Prozent gehörten dem unteren Führungskader an, 24 Prozent waren Sachbearbeiter oder Arbeiter. „Die größte Gruppe machten aber mit 43 Prozent die Fachkräfte ohne Führungsaufgabe aus – auf deren Wissen Unternehmen immer stärker angewiesen sind“, berichtet Schmitz. Und noch ein Ergebnis dürfte Unternehmen bedenklich stimmen: Jeder zweite Betroffene gab an, bereits eine Beförderung oder Weiterentwicklung im Job abgelehnt zu haben – zum Teil sogar bereits mehrfach.

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