Keiner zählt sie, und Geld gibt's auch nicht
Deutsche leisten die meisten Überstunden

Aus Angst, die Karriere zu gefährden oder den Job zu verlieren, arbeiten viele länger, als es ihnen gut tut. Eine Online-Umfrage des Karriereportals Stepstone ergab: Vier von fünf Deutschen machen Überstunden.

HB DÜSSELDORF. Das Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen fand heraus, dass die Beschäftigten im Schnitt 1 756 Stunden im Jahr arbeiten. Das sind 99 Stunden über der tariflich geregelten Arbeitszeit. Doch die Dunkelziffer der Überstunden, die nicht registriert und meist auch nicht bezahlt werden, liegt weit höher, schätzen Experten. Die 146 000 deutschen Krankenhausärzte zum Beispiel schieben 50 Millionen unbezahlte Überstunden vor sich her, errechnete der Marburger Bund.

31 Prozent der Befragten kommen auf 50 Wochenstunden und mehr. Europaweit stehen sie damit an der Spitze, wie die Befragung unter 8 700 Nutzern ergibt. Viele haben längst aufgehört, ihre Überstunden zu zählen. Gerade unter den Akademikern: Ihr Unternehmen setzt Überstunden voraus und ihre Arbeitszeit wird meist von keiner Stechuhr erfasst.

Mit Kalkül? Der Kölner Personalberater Klaus Leciejewski beobachtet: „Die Zahl der Überstunden, die das Gesetz erlaubt, nutzen zahlreiche Unternehmen gezielt aus, um Personal einzusparen.“ Das, obwohl sie sich „dabei ins eigene Fleisch schneiden. Die Mitarbeiter durchschauen die Strategie bald, und die Arbeitsatmosphäre leidet.“

Dass der andauernde überdurchschnittliche Einsatz im Job obendrein zu Lasten der Gesundheit geht, bestätigt auch eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Danach erlebt jeder vierte Arbeitnehmer das geforderte Arbeitstempo und den Leistungsdruck am Arbeitsplatz als sehr belastend. Fast jeder Dritte fühlt sich stark von Hektik, Zeit- und Termindruck beeinflusst.

Das Resultat: Jeder Zweite bringt die zehn häufigsten gesundheitlichen Probleme in Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz, darunter Stress-Symptome, Befindlichkeitsstörungen und Beschwerden an Muskeln oder Knochen. So leiden 73 Prozent der 32 000 Befragten in 160 Betrieben unter Nervosität und Unruhe, 76 Prozent unter Rückenschmerzen.

Die Liste der Ursachen ist lang: „Die ständige Aufmerksamkeit und Konzentration sowie die Genauigkeit, die erforderlich ist, um das gewünschte Arbeitsergebnis zu erbringen, erleben vielen Befragte als sehr belastend“, erläutern die Studienautoren Christian Vetter und Alexander Redmann. „Weitere Stressfaktoren sind die Unterbrechung von angefangener Arbeiten, die Gefahr, Fehler zu machen und das Treffen schwieriger Entscheidungen.“ Der Bundesfachverband Betriebliche Sozialarbeit schätzt, dass jeder vierte Beschäftigte unter psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen leidet – Tendenz steigend.

Auf Hilfe von Chefs kann da jedoch heute – in Zeiten stetiger Arbeitsverdichtung – kaum einer bauen. „Wer sein dauerndes, zu hohes Arbeitspensum vorträgt oder seine Überstundenzahl vermeldet, wird im Regelfall nur abgebürstet,“ weiß Headhunter Leciejewski. „Und zwar nach der Methode Spieß umdrehen und dem typischen Standardvorwurf, der Betroffene organisiere seine Arbeit schlecht – und habe doch eigentlich selbst schuld.“ Der Grund: „Die Vorgesetzten können kaum anders. Es ist ihre Form der Verteidigung, und sie müssen ja auch zusehen, wie sie mit ihren Leuten zurecht kommen.“

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