Konflikte im Büro
Friedensengel von Beruf

Die Verteilungskämpfe des globalen Arbeitsmarktes lassen in manchem Büro die Stimmung kippen. Loyalitätskonflikte und Grabenkämpfe schaden nicht nur der Stimmung des Unternehmens, sie kosten auch ordentlich Geld. Daher haben Konfliktmanager und Wirtschaftsmediatoren Konjunktur. So wird man professioneller Streitschlichter.

HB. Es beginnt ganz harmlos. Erst liegt dieser Haufen Papier auf ihrem Tisch. Gehört ihr nicht, ist vom Kollegen. Später kommen seine Füße hinzu: Wann immer ihr Bürokollege telefoniert, legt er sie auf ihren Schreibtisch, gleich neben ihre Tastatur. Irgendwann kracht es. Sie macht ihrem Ärger Luft, er schilt sie als: „Pipi-Mädchen“. Er ist jemand, der mal wichtig war. Doch dann wurde er degradiert und verlor sein Büro. Jetzt sitzt er bei ihr und weiß nicht mehr, wohin mit seinem Ego. Zu klein ist sein Tisch, zu teilnahmslos seine neue „Belegschaft“. Nun müssen Fremde seine Cheflaunen ertragen. Armer alter Boss.

Immer schneller dreht sich das Jobkarussell, die Verteilungskämpfe werden härter, die Beziehungen im Büro heikler – ein idealer Nährboden für Konflikte: Da heißt es Chef gegen Untergebene, Angestellte gegen Freie, Außen- gegen Innendienstler. Unüberschaubar ist die Zahl der Fronten. Doch Konflikte sind ein Motivationskiller, der nicht nur den Arbeitsablauf empfindlich stört, Konflikte senken auch die Produktivität.

Denn neben dem offiziellen Arbeitsvertrag existiert der „psychologische Vertrag“, der über die Leistungsbereitschaft jedes einzelnen Beschäftigten entscheidet. Und dieses Engagement ist derzeit stark gefährdet. „Unsicherheit am Arbeitsplatz provoziert Konflikte“, sagt Psychologe Jörg Middendorf, Leiter des Kölner Büros für Coaching und Organisationsberatung. „In Zeiten hoher Fluktuation leidet die Loyalität zum Arbeitgeber. Das gilt besonders für Menschen, die stets von der Sicherheit ihres Arbeitsplatzes überzeugt waren und dann in ihren Augen vom Unternehmen enttäuscht wurden.“ Weil sie zum Beispiel Entlassungen oder Verlagerungen ganzer Abteilungen ins Ausland erlebt haben.

Loyalitätskonflikte, Meinungskämpfe und Beziehungskrisen schaden der deutschen Wirtschaft nachhaltig. Und die Folgen sind alarmierend: Selten war die Arbeitslust der Deutschen so lau wie heute. Laut Arbeitsklima-Barometer des Instituts für Absatz und Konsum (IFAK) verrichten im Jahr 2008 knapp zwei Drittel der Deutschen Dienst nach Vorschrift und rund ein Viertel hat innerlich gekündigt. Im Vorjahr waren es lediglich 22 Prozent. Gerade mal zwölf Prozent aller Deutschen fühlen sich ihrem Arbeitgeber verpflichtet und sind motiviert und engagiert bei der Arbeit. Im vergangenen Jahr waren noch 15 Prozent mit Eifer bei der Sache.

Diese Umfrage fand unter 2 000 repräsentativen Teilnehmern statt; rechnet man die Ergebnisse hoch, sind nur 3,8 Millionen Deutsche gern bei der Arbeit – etwas mehr, als Berlin Einwohner zählt. Man führe sich vor Augen: In der Hauptstadt wird gearbeitet, während der Rest der Republik auf Youtube daddelt oder sich verstohlen die Nägel feilt. Mehr als 20 Millionen Arbeitnehmer tun nur noch das Nötigste und 7,6 Millionen lehnen ihren Job rundheraus ab. Willkommen im Deutschland des 21. Jahrhunderts.

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