Leben und Arbeiten in Bukarest
„Fußgänger sind Freiwild“

Leslie Breer ist CFO beim Versicherungskonzern Signal Iduna. An Bukarest nervt ihn das Verkehrschaos und die ständigen Bauarbeiten. Aber die Stadt hat südländischen Flair, ausgezeichnete Restaurants und eine gute geografische Lage.

BUKAREST. So etwas hätte Leslie Breer ausgerechnet in Bukarest nicht erwartet: "Ich habe noch nie so viele Maybachs und Maseratis gesehen wie in dieser Stadt", sagt der 51-Jährige. Breer ist Chief Financial Officer der rumänischen Niederlassung des Versicherungskonzerns Signal Iduna. Die Rumänen sind offensichtlich stolz auf ihren neu erworbenen Wohlstand. Das Zweite, das Breer auffiel - und über das sich jeder Expatriate in Bukarest beklagt - ist der chaotische Verkehr: "Fußgänger sind Freiwild. Je größer der Wagen, desto mehr hat man Recht", spottet er. Oft sei es schlicht nicht ersichtlich, nach welchen Regeln die Bukarester Auto fahren.

Weiteres Ärgernis: die ständigen Bauarbeiten. Die kennt Breer aus eigener Anschauung. So war die Straße, die zu seinem Arbeitsplatz führt, lange kaputt. Schließlich wurde der Belag erneuert, aber gleich wieder aufgerissen. Erst hatten die Straßenbauer die Gullydeckel vergessen, später die Gasleitung. Offenbar sind die Behörden in Bukarest unfähig, die Bauarbeiten in irgendeiner Form zu koordinieren. Darüber hinaus kritisiert Breer die Behördengänge, die wie in allen anderen ehemaligen Ostblockstaaten eher mühsam sind.

Baulich wird die Stadt dominiert vom riesigen Stadtpalast, den der kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu in Auftrag gegeben hatte und der erst nach dessen Tod fertiggestellt wurde. Ansonsten hat Breer ein "Sammelsurium" an Baustilen beobachtet: "Das hat schon seinen ganz eigenen Charme. Aber Bukarest muss mal sehr schön gewesen sein."

Sehr angetan ist Breer vom südländischen Flair der Stadt. In Bukarest spiele sich das Leben viel auf der Straße ab, ähnlich wie in anderen Metropolen des Südens. "Man geht nicht vor 22 Uhr zum Abendessen. Es gibt viele Restaurants mit guter Küche und sogar Biergärten." Mit persönlichen Kontakten zu Rumänen sei es aber trotzdem schwierig, sie seien zwar liebe Menschen, zeigten aber eine gewisse Scheu gegenüber Ausländern. Wenn Breer nach täglich zehn bis zwölf Stunden im Büro überhaupt noch Lust hat auszugehen, dann trifft er sich eben doch lieber mit anderen Expats in der Stadt. Und falls ihm doch mal die Decke auf den Kopf fällt: "Mit dem Flugzeug bin ich in 45 Minuten in Istanbul."

Martin Tofern
Martin Tofern
Handelsblatt / Redakteur Unternehmen und Märkte
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