Leben und arbeiten in Tokio
Emanzipierte Frauen

Eine große, blonde Frau und das mitten in Tokio? Zuerst fühlte sich Anja Matsumoto wie ein Fremkörper zwischen den kleinen Japanern. Heute fühlt sich Anja Matsumoto als eine von ihnen. Und vermisst nicht einmal mehr deutsche Urlaubsansprüche.

Tokio. Mit dem Finger haben Kinder und Mütter auf sie gezeigt. Taxifahrer schlugen die Tür zu, wenn sie einsteigen wollte. Eine Frau, 1,75 Meter groß und blond, war ein Kuriosum auf Hokkaido, der nördlichsten Insel Japans. "Die hatten Angst, sich mit mir nicht verständigen zu können", erinnert sich Anja Matsumoto an ihre erste Uni-Zeit dort vor 18 Jahren. Sie hatte Japanisch in München an der Uni gelernt. Wollte sie Land und Leute richtig kennenlernen, musste sie die Sprache hier weiter studieren. Englisch konnte auf der Straße kaum jemand sprechen. Das hat sich kaum geändert. Dafür hat sich bei der 41-Jährigen viel getan: Sie ist nach Tokio gezogen, mit einem Japaner verheiratet, hat mit ihm vier Kinder und fühlt sich in Japans Hauptstadt derart integriert, dass es schon Momente gab, in denen sie vor dem eigenen Spiegelbild im Schaufenster erschrak: Sie hatte ihr europäisches Aussehen ganz vergessen.

Matsumoto hat zwei Jahre in einer Fortbildungsfirma für Manager gearbeitet, danach vier Jahre für einen halb staatlichen Entwicklungshilfe-Fond als Projektleiterin für Chile und Osteuropa. Inzwischen ist sie in Tokio seit über acht Jahren bei Inter.office, einem Vertrieb für Büromöbel der Marken USM und Vitra. "Nach dem Studium ist das erste Jahr in einem Unternehmen hart, wenn es heißt: Kochen Sie mal Kaffee", sagt Matsumoto. Berufseinsteiger würden oft wie Praktikanten behandelt. Doch bloß nicht unterkriegen lassen, rät sie.

Japanische Frauen seien sehr emanzipiert. Und das liege nicht nur daran, dass in einer typischen japanischen Ehe der Mann seinen Lohn an die Frau abgibt, die ihm dann hiervon ein Taschengeld zahlt. Auch sei in Japan der Ganztagsbereich für Kinderbetreuung vorbildlich ausgebaut, so dass eine Frau völlig in ihrem Beruf oder in ihren Hobbys aufgehen kann - und das ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden. Die Atmosphäre in den Büros sei sehr angenehm. "Es gibt kein Mobbing. Und man wird auch nie hören, dass etwas nicht geht." Was sie im Vergleich zu Deutschland vermisst, ist der "Luxus", sich mal eben ins Grüne abzusetzen. Pro Jahr hat Anja Matsumoto nur 15 Tage Urlaub. Das sei üblich in Tokio. Aber Deutschland nachweinen? Nicht doch: "So wenig Urlaub kommt einem nicht mehr tragisch vor."

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