Management
Chefsessel wird zum Schleudersitz

In Deutschland und Europa sind im vergangenen Jahr so viele Unternehmenschefs wie selten zuvor ausgetauscht worden. Mangelnde Performance, zunehmend kritische Aufseher und Investoren sowie die immense Zahl an Fusionen und Übernahmen sind die Gründe. Vor allem die Chefsessel in der Telekommunikationsbranche wackeln.

DÜSSELDORF. Die Chefsessel bei Firmen im deutschsprachigen Raum sind im vergangenen Jahr wieder einmal zum Schleudersitz geworden: 10,7 Prozent der Vorstandschefs mussten ihren Hut nehmen – deutlich mehr als im Jahr 2005. Das ermittelte die Managementberatung Booz Allen Hamilton in einer neuen Studie. Die Zahl der Führungswechsel bleibt der Untersuchung zufolge auch in Europa auf hohem Niveau: 15,4 Prozent der Chefs verloren im vorigen Jahr ihren Job.

Booz Allen beobachtet jedes Jahr die Lage in den Führungsetagen von 2500 Firmen weltweit und untersucht die Gründe für Wechsel an der Spitze. Die Ergebnisse unterstreichen deutlich: CEOs, die schlechte Ergebnisse abliefern, werden mittlerweile schneller geschasst. Zwischen 1996 und 2006 ist die Zahl der jährlichen Chefwechsel weltweit um 59 Prozent gestiegen.

Die Gründe: Zum einen bringt die anhaltende Welle von Fusionen und Übernahmen viele Wechsel mit sich. Entscheidender aber ist, dass die Kontrollgremien wesentlich härter durchgreifen – mitunter angetrieben von neuen Typ Investoren wie etwa Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen. Weniger als die Hälfte aller Wechsel erfolgt heute noch geplant.

„Der Leistungsdruck insbesondere auf die deutschen CEOs wächst“, beobachtet Klaus-Peter Gushurst, Senior Partner bei Booz Allen Hamilton. Das belegt auch die Verweildauer an den Führungsspitzen: Im deutschsprachigen Raum waren Chefs 2006 durchschnittlich 5,7 Jahre im Amt – die niedrigste Frist seit 1998. 2005 lag der Wert noch bei 7,2 Jahren.

Mit Blick auf diese Werte spricht Booz Allen Hamilton bereits von einer „neuen Ära“ in der Unternehmenskontrolle. „Corporate-Governance-Regeln greifen mittlerweile nachhaltig und verändern so die Führungskultur“, sagt Gushurst. Die Beziehung zwischen Unternehmenschefs, Aufsichtsräten und Investoren habe sich grundsätzlich verändert – und sei konfliktreicher geworden. Dazu liefert die Untersuchung eine weitere Zahl: 1995 gingen in nur zwei Prozent der Fälle erkennbare Konflikte zwischen Aufsichtsrat und Kontrolleuren voraus, im vorigen Jahr waren europaweit 22 Prozent aller Wechsel durch solche Konflikte beeinflusst.

Maßgeblich getrieben wird diese Entwicklung durch das neue Selbstverständnis der Investoren. Sie verlangen Aufsichtsratsmandate und wollen in strategische Entscheidungen des Topmanagements eingebunden werden – und diese mitunter mitbestimmen. So treffen in den einst konsensorientierten Kontrollgremien die verschiedensten Interessen aufeinander. Damit nicht genug: Unternehmenschefs müssen zugleich eine wachsende Zahl neuer internationaler Standards und Regulierungen für ihre Firmen beachten.

All dies führt aus Sicht von Booz Allen zu einer neuen Herausforderung für Manager: „CEOs müssen Investoren, Mitarbeiter und auch die Politik viel stärker in ihre Arbeit einbinden“, sagt Gushurst. „Die aktive Zusammenarbeit von Aufsichtsrat und CEO bekommt künftig erheblich mehr Gewicht.“ Dazu gehöre, dass Kontrolleure nicht mehr nur fertige Strategien vorgelegt werden, sondern dass sie frühzeitig in Planungen einbezogen werden.

Riskanteste Branchen für Unternehmenschefs war im vergangenen Jahr die Telekommunikation. Dort hat sich die Zahl der Abgänge verdoppelt: In 23,5 Prozent der Telekom-Firmen weltweit gab es einen Führungswechsel – prominentestes Beispiel in Deutschland war die Abberufung von Kai-Uwe Ricke bei der Deutschen Telekom, der durch Rene Obermann ersetzt wurde. In der Liste der gefährlichsten Branchen folgen die Versorger und der Gesundheitssektor mit 17,8 Prozent.

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