Maschinenlesbarer Ausweis für Visa Pflicht
Peinliche Fragen in abgeschotteten Räumen

Der amerikanische Zoll macht es Geschäftsreisenden bei der Einreise immer schwerer.

„Follow the blue line“ - dieser Satz vom Zollbeamten ist unter deutschen Geschäftsreisenden bei der Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika gefürchtet. Die blaue Linie auf dem Hallenboden, die in einigen Flughäfen durch ganze Terminals führt, endet in der Regel in einem abgeschotteten Raum, in dem US-Beamte Einreisende ausdauernd und peinlich genau befragen. Die Reisenden werden dabei mit einer Videokamera gefilmt.

Die Zahl dieser Zusatzbefragungen ist seit dem 11. September 2001 deutlich angestiegen, beobachten Geschäftsreisende. Auch jene aus vermeintlich unproblematischen Ländern – wie die der Europäischen Union – sind immer häufiger von ihnen betroffen. „Man tat so, als wäre es eine Gnade, dass man mich einlässt“, schimpft ein Reisender, der für einen großen deutschen Verlag in die Staaten geflogen ist.

Die nervenaufreibenden Einreisenprozeduren kommen nicht von ungefähr: Im Zuge der Terrorvorbeugung haben die USA ihre Grenzkontrollen und Reisevorschriften massiv verschärft. Hintergrund sind organisatorische Veränderungen in den US-Behörden, erklärt Konsul Stuart Wilson, Leiter der Visa-Abteilung des Amerikanischen Generalkonsulats in Frankfurt. Die Verantwortung für Einreisefragen, die früher bei der Einwanderungsbehörde Immigration and Naturalization Service (INS) lag, liegt heute im neu geschaffenen Department of Homeland Security. Und für die Heimatschützer hat allein die Sicherheit der Vereinigten Staaten oberste Priorität.

Die vielen Zusatzinterviews am Flughafen sind die offensichtlichste Veränderung für Geschäftsreisende aus Europa. Bislang profitiert das Gros dieser Gruppe nach wie vor vom Programm zur Aufhebung der Visumspflicht. Wie Touristen dürfen sie sich bis zu 90 Tagen ohne Sondergenehmigung in den USA aufhalten. Für Strategiemeetings oder Präsentationen ist diese Regelung ausreichend. Ein Visum benötigen aber in jedem Fall beispielsweise Deutsche, die in den US-Dependancen ihres Mutterunternehmens arbeiten oder forschen wollen. Auch wer Investitionen tätigen oder Verträge abschließen will, braucht eigentlich ein Handelsvisum. In der Praxis verzichten allerdings viele Unternehmen auf die umständlichen Anträge, etliche Executives nutzen die 90-Tage-Regel.

In Zukunft wird diese Trickser-Taktik vermutlich noch beliebter werden, denn an ein ordentliches Visum zu kommen, ist ebenfalls aufwendiger geworden: „Wir gehen bei den Visa-Anträgen sehr viel mehr in die Tiefe und stellen mehr Fragen als früher“, erklärt Konsulatsvertreter Stuart Wilson. Besonders kniffelig: Manager sind in Zukunft verpflichtet, persönlich bei einer US-Vertretung vorzusprechen. Diese Regelung tritt am 21. Juli in Kraft. Trotz der Vergabe von Terminen ist nicht garantiert, wann man genau dran kommt. Im Extrem-Fall müssten selbst Spitzenmanager ein paar Stunden im Behördenflur warten. Dass stattdessen die Sekretärin, der Anwalt oder ein Referent das Visum abholt, ist aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen.

Wer ab dem 1. Oktober 2003 in die Vereinigten Staaten reisen und sich die Visa-Prozedur ersparen will, sollte rasch einen neuen Pass beantragen, wenn er noch einen der alten, grünen Bundesrepublik-Pässe besitzt. Ohne einen maschinenlesbaren Pass wie den weinroten Ausweis, der seit 1988 die grünen Papiere ablöst, ist ein Visum Pflicht. Ob ab 2004 tatsächlich nur noch Reisende, in deren Pässen biometrische Informationen gespeichert sind, visafrei einreisen dürfen oder ob die Maschinenlesbarkeit dafür ausreicht, ist noch nicht entschieden.

Zudem haben die USA auch ihre Durchreise-Bestimmungen für internationale Fluggäste beschränkt. Auch wer nur auf US-Flughäfen die Maschine wechselt, muss ab sofort ein US-Einreisevisum haben. Deutsche sind von dieser Regelung allerdings nur betroffen, wenn sie nicht unter die Regelungen zur Visafreiheit fallen. Vor allem für Transitreisende aus Brasilien, Mexiko, Korea, den Philippinen und Peru erwarten Diplomaten und Reiseveranstalter zusätzliche Komplikation.

Unabhängig von ihrer Herkunft werden aber deutsche Geschäftsreisende – wie alle anderen Fluggäste in Richtung USA – bereits jetzt im Namen der Sicherheit in umfangreichen Datenbanken gespeichert. Im Februar einigte sich die EU-Kommission mit dem US-Zoll über die Weitergabe von Passagierdaten. Festgehalten werden insgesamt 40 Informationsfelder, darunter Namen, Reisedaten, Start- und Zielorte. Wie lange die US-Behörden welche Daten speichern und ob sie Bewegungsprofile anlegen, geben sie nicht preis.

Beschwerden gegen die Sammelwut gibt es bislang nicht, sagt Annette Kissing, Sprecherin von TQ3 Travel Solutions, der Geschäftsreisenveranstalter der Tui: „Eigentlich hat uns das sehr gewundert.“ Die Daten zu verweigern, würde allerdings bedeuten, die Geschäftsreise nicht antreten zu können. Für problematisch halten deutsche Datenschützer, dass bei den Abfragen auch Daten wie Essenswünsche und Zahlungsmodalitäten weitergegeben werden. Daran lässt sich unter anderem die Religionszugehörigkeit ablesen. Dokumentiert werden die Zugriffe auf das Buchungssystem Amadeus und auf das Lufthansa-System nicht, kritisiert die nordrhein-westfälische Datenschutzbeauftragte Bettina Sokol.

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