Mehr Fitness und innere Ruhe
Die mit Schatten boxen

Die Luft ist zäh. So zäh, dass Fritz Holzner sie mit seiner rechten Hand nur ganz langsam von sich schieben kann. Er steht gebeugt im Ausfallschritt. Dann verlagert er das Gewicht und tritt mit einem Bein ins Nichts. Fritz Holzner trainiert Tai Chi Chuan - im Zeitlupentempo.

HB. Zeitlupe ist normalerweise ein Fremdwort für Fritz Holzner. Der Wiesbadener ist selbstständiger Projektmanager und ständig für Auftraggeber wie Nestlé, die Deutsche Bank oder Airbus auf Achse. Auf seinen Geschäftsreisen in Asien wunderte er sich über Kollegen, die morgens vor Tau und Tag in einem Park verschwanden, um dort gegen ihren eigenen Schatten zu boxen. Doch seit er vor zwei Jahren selber mit dem Tai Chi Chuan angefangen hat, wundert ihn gar nichts mehr. "Ich braucht das als Ausgleich zum Job", sagt der 48-Jährige. "Irgendwie muss man den Stress ja abbauen."

Ziel des Tai Chi Chuan ist es, die Lebensenergie, das Chi, durch den Körper fließen zu lassen. Denn nur wenn das ungehindert fließt, so die chinesische Heilkunde, bleibt der Körper gesund und fit. Das Fließen der Energie funktioniert nur mit der richtigen Atemtechnik und im Zustand völliger Entspannung. Die Technik zur Erreichung dieses optimalen Zustandes entwickelte nach chinesischer Überlieferung der Einsiedler Chang San Feng im 12. Jahrhundert, nachdem er einen Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet hatte. Chang San Feng war sicher: Die Schlange siegte, weil sie dem Kranich mit ihren geschmeidigen Bewegungen überlegen war. Und diese Geschmeidigkeit soll sich der Schattenboxende zu Eigen machen - dann klappt's mit dem Chi.

Kein Mensch kann ständig Vollgas geben

"Seitdem ich regelmäßig schattenboxe, bin ich viel fitter geworden. Ich musste schon ewig nicht mehr zum Arzt", freut sich Holzner. Doch er findet an Tai Chi Chuan nicht nur die gesundheitlichen Auswirkungen Aufsehen erregend. "Mich haben die Bewegungen fasziniert und die Anmut, mit der die Leute das bis ins hohe Alter machen", sagt Holzner. Bis zu sechs Stunden wöchentlich nimmt der Vielbeschäftigte sich Zeit für den Besuch der Tai-Chi-Schule Wiesbaden.

Volker Jung, der Gründer der Schule, hat sich mittlerweile auf die Ausbildung von Tai-Chi-Lehrern sowie auf das Training von Managern spezialisiert. Bei ihm boxten schon Führungskräfte der Degussa und der Hilton Hotels, von Lufthansa und Fraport. Für Jung, der sich seit über 20 Jahren mit Tai Chi Chuan beschäftigt, ist das eine konsequente Entscheidung. "Für Manager bietet sich Tai Chi einfach an", sagt er. "Wenn der Kopf die ganze Zeit auf Hochtouren läuft und man ständig an die eigene Leistungsgrenze kommt, muss man etwas finden, das die innere Ruhe zurückbringt." Schließlich könne kein Mensch ständig Vollgas geben.

Senkung des Herzinfarktrisikos

Auf der Suche nach innerer Ruhe war auch Jürgen Pippir, Vertriebsleiter eines Parsberger Möbelhauses. Aber eben nicht nur: Außer Entspannung sollte auch für den Körper etwas dabei rumkommen, das Verletzungsrisiko sollte klein und der Zeitaufwand überschaubar sein. Pippir wurde fündig - und überzeugter Schattenboxer. "Tai Chi vereint das alles", schwärmt der 46-jährige Manager, der das Schattenboxen in einem Regensburger Tai-Chi-Studio gelernt hat. "Ich kenne keine andere Sportart, die so facettenreich ist." Und das Beste: Er könne trainieren, wann und wo er wolle, um sechs Uhr vor der Arbeit oder sonntags nach dem Kaffee. Am liebsten macht Jürgen Pippir es immer noch auf der eigenen Terrasse.

Problemlose Übungen für's Büro bringt Volker Jung seinen boxenden Managern bei. "Schon mit wenig Aufwand", sagt er, "kann man so das Herzinfarktrisiko senken." Zuallererst zeigt er ihnen, wie sie sich lockern und richtig atmen können: "Das ist der Grundbaustein für alles." Im Gegensatz zu Karate oder Judo kommt es hier in erster Linie auf die Weichheit und Geschmeidigkeit der Bewegungen an. Alles passiert langsam, ist Präzisionsarbeit.

Jeder Muskel wird trainiert

"Am Anfang ist es sehr viel Konzentrationsarbeit", sagt Tai-Chi-Dozent Jung. Ganz bewusst würden einzelne Muskelgruppen trainiert. "Durch die kontrollierten Bewegungen lösen sich Verspannungen, die Haltung verbessert sich und so beugt man Rücken- oder Kopfschmerzen vor. Und das alles, ohne die Gelenke unnötig zu belasten." Wer allerdings glaubt, Tai Chi sei kinderleicht, der irrt. Profiboxer Jung weiß aus Erfahrung: "Bis man ein hohes Niveau erreicht, dauert es eine Weile. Da muss man sich erst mal durchbeißen."

Jürgen Pippir hatte den nötigen Biss. Und ist froh darüber: "Wenn man Tai Chi lang genug macht, hat man unglaubliche Erfolgserlebnisse. Ein Spagat ist kein Problem mehr für mich." Nach dem Schattenboxen fühle er sich so ausgepowert wie nach einem Waldlauf - nur besser. Und noch besser als nach einem autogenen Training. "Da entspannt man sich zwar, aber letztlich liegt man doch nur rum und wird fett. Beim Tai Chi dagegen wird jeder Muskel trainiert. Ich würde es Meditation in Bewegung nennen", ist Pippirs abschließendes Credo.

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