Nachgefragt: Bauer: "Lebensarbeitszeit muss steigen"

Nachgefragt
Bauer: "Lebensarbeitszeit muss steigen"

Das Handelsblatt spricht mit Thomas Bauer über den demographischen Wandel und dessen Auswirkungen. Thomas Bauer ist Vorstandsmitglied des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Handelsblatt: Herr Bauer, bedroht die Überalterung langfristig unseren Wohlstand?

Bauer: Ja, massiv, denn viele Faktoren hängen von dem Alter der Erwerbspersonen ab. Zum Beispiel ist mit Mitte 30 die Innovationsfähigkeit und der Antrieb, ein Unternehmen zu gründen, auf dem Höhepunkt. Wenn die Anzahl der Jungen sinkt, nimmt also die gesamte Innovationskraft ab. Wir müssen zudem die älteren Arbeitskräfte wesentlich stärker in die Arbeitswelt einbeziehen. Fortbildungen für 55-Jährige dürfen keine Ausnahme bleiben. Lebenslanges Lernen wird in der alternden Gesellschaft immer wichtiger werden.

Machen die demographischen Veränderungen die Wachstumsanstrengungen völlig zunichte – oder können wir der düsteren Entwicklung entgegenwirken?

Völlig lösen lässt sich das Problem nicht mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen, aber schmälern. Die Frauenerwerbstätigkeit muss erhöht werden, und – um das zu ermöglichen – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert. Die Zuwanderung nach Deutschland muss zunehmen. Auch wenn das ein politisch sensibles Thema ist, demographisch ist es unausweichlich. Zudem muss die Lebensarbeitszeit steigen, da geht kein Weg dran vorbei.

Die Auswirkungen der Alterung auf den Arbeitsmarkt sind aber weit vielschichtiger, oder?

Ja, ein wesentlicher Aspekt ist die Einkommensverteilung. In Folge der alternden Erwerbstätigen werden die Besserverdienenden, nämlich die immer knapper werdenden Fachkräfte, immer mehr und die Geringverdiener immer weniger bekommen. Zugleich wird aber der Bedarf an einzelnen nicht hochqualifizierten Berufsgruppen wie Pflegekräften in Folge der Alterung stark zunehmen.

Sind wir im europäischen Vergleich hoffnungslos abgeschlagen?

Nein, weit dramatischer als in Deutschland ist die Situation in Italien, Spanien und Portugal. Dort sind die Geburtenraten noch niedriger, und das schlägt sich auf die wirtschaftliche Situation nieder: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in diesen Ländern sehr hoch. Positive Beispiele sind dagegen Irland oder Frankreich. Im Falle Frankreichs kann dies zum Teil mir einer aktiven Familienpolitik erklärt werden.

Steckt in dem Alterungsprozess denn auch irgendeine positive Errungenschaft?

Ich kenne keine. Außer, dass ich länger arbeiten darf ...

Die Fragen stellte Dorit Heß.

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