Nachgefragt bei Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie in München
„Ein Gespräch unter vier Augen hilft“

Wie wichtig sind couragierte Mitarbeiter für ein Unternehmen?

Je mehr Zivilcourage in einem Unternehmen herrscht, desto größer ist die Chance, erfolgreich auf dem Markt zu sein. Dadurch, dass Missstände offen angesprochen werden, besteht die Chance für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess und die Chance, dass schlechter, ruppiger, unfairer Umgang mit Menschen minimiert wird. So kann ein Betriebsklima geschaffen werden, in dem man sich wohl fühlt. Werden dann vor allem auch Missstände in den Prozessabläufen oder gar Missstände in Bezug auf Kundenzufriedenheit angesprochen, dann ist dies nicht nur für die Mitarbeiter im Unternehmen, sondern auch für die Kunden ein Vorteil.

Das klingt idealistisch. Ist der Alltag in den Unternehmen nicht tatsächlich ein anderer?

Wir beobachten natürlich sehr oft in Firmen das genaue Gegenteil: wegschauen oder gar decken. Couragiertes Verhalten wird oft als Nestbeschmutzerei, Stasi-Verhalten oder persönliche Verunglimpfung gesehen. Das ist zwar menschlich sehr oft nachvollziehbar. Die Frage stellt sich aber immer, inwieweit solche Menschen abends in den Spiegel schauen können.

Wie können sich denn die Couragierten vor den negativen Folgen ihrer Kritik schützen?

Die Überbringer schlechter Nachrichten werden selten geliebt, weil sie ja immer eine Bedrohung des Status Quo darstellen. Hier gilt natürlich: Der Ton macht die Musik und oft ist dezentes Verhalten, auch ein Gespräch unter vier Augen, nutzbringender als Agieren in der Öffentlichkeit. Das führt oft nur zu einem Verteidigungsverhalten der Betroffenen. Natürlich besteht die Gefahr, dass der Couragierte zum Mobbing Opfer wird. Allerdings ist dies eher die Ausnahme, da diese Personen sich oft zu wehren wissen. Aber es kann natürlich schon sein, dass die Couragierten kaltgestellt, neutralisiert und mundtot gemacht werden.

Und dann haben Mitarbeiter mit Rückgrat eben Pech gehabt?

Dann ist die Führung eines Unternehmens gefordert. Das Problem ist ja, dass es in vielen deutschen Firmen zugeht wie in einem totalitären Staat. Der Vorstand ist zu vergleichen mit einem Politbüro oder dem Vatikan, der Wahrheit spricht und oft keinen Kontakt zur Basis hat. Was wir stattdessen brauchen sind offene Kulturen, in denen Hierarchie ihre Geltung hat, aber trotzdem die Devise gilt, dass das Argument zählt. Wichtig ist also, couragiertes Handeln und Denken nicht mit Querulantentum gleichzusetzen, sondern eher mit Querdenken und kritischem Spiegeln. Couragierte Mitarbeiter sollten ermuntert werden, Probleme zu artikulieren, aber diese möglichst mit Lösungen zu verbinden, konstruktiv zu bleiben und andere nicht zu verletzen.

Wie sinnvoll ist denn eine Art Zivilcourage-Training?

Das kann sehr sinnvoll sein. Es ist erstaunlich, dass nur wenige Unternehmen so etwas de facto umsetzen. Reine Appelle bringen allerdings wenig. Man muss vielmehr vermitteln, was Zivilcourage in der jeweiligen Welt der Mitarbeiter bedeutet und was es nicht bedeutet. Und noch wichtiger: Man muss Handlungskompetenzen vermitteln und klar machen, was man konkret tun kann. Dies kann durch Rollenspiele geschehen, in denen exemplarische Problemsituationen durchgespielt werden.

Die Fragen stellte Miriam Rössig.

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