Nachgefragt
„Es fehlt eine wirtschaftliche Kultur“

Carlo Secchi, der Rektor der privaten Wirtschaftsuniversität Bocconi in Mailand, über die fehlende ökonomische Kultur und ihre Auswirkungen für die Gesellschaft.

Handelsblatt: In Deutschland wird das Thema der mangelnden ökonomischen Bildung in den weiterführenden Schulen heiß diskutiert. Wie solide sind die wirtschaftlichen Kenntnisse der italienischen Abiturienten?

Secchi: In der Regel haben sie davon keine Ahnung. Die Schüler der technischen Zweige lernen Dinge, die nichts mit Wirtschaft zu tun haben. Ähnlich schwach sieht es bei den Absolventen der humanistischen Gymnasien aus. Hoffnung gibt mir allerdings die Einführung von Wirtschaftsgymnasien durch die jüngst verabschiedeten Bildungsreform. Die Effekte werden wir aber erst in den kommenden Jahren einschätzen können.

Was ist die Folge für die Unis, dass die Ökonomie in den Schulen bislang so sträflich vernachlässigt worden ist?

Da die Schüler – wenn überhaupt – nur eine oberflächliche Idee von der Wirtschaft haben, schreiben sie sich für die entsprechenden Fächer an den Universitäten nur auf Basis ihrer Intuition und nicht aufgrund einer echten Überzeugung ein. Da fehlt oft die Orientierung, die unerlässlich ist für eine rationale Studienwahl. Irrtümer sind also programmiert.

Und welche Effekte für die Gesellschaft sehen sie?

Unsere Mitbürger sind, außer jenen, die Wirtschaft studiert haben, ökonomische Ignoranten. Das ist in Zeiten, in denen jeder einzelne immer stärker wirtschaftliche Entscheidungen mit extremer Relevanz für sein eigenes Leben fällen muss, gravierend. Warum haben wohl so viele Italiener für ihre Altersvorsorge Argentinien-Anleihen oder Parmalat-Bonds gekauft? Weil sie nicht wussten, dass hohe Zinsen immer mit einem hohen Risiko verbunden sind.

Es fehlt also eine wirtschaftliche Kultur?

In der Tat. Wenn Sie die öffentliche Diskussion über wirtschafts- oder sozialpolitische Themen in Italien verfolgen, wird dies deutlich. Da wird bei Streiks applaudiert, obwohl sie volkswirtschaftlich einen großen Schaden anrichten. Da ist es unmöglich, die Notwendigkeit von Strukturreformen rational zu vermitteln, vor allem beim Rentensystem. Die Bürger haben einfach die ökonomische Grundwahrheit nicht verstanden, dass man nur verteilen kann, was zuvor verdient worden ist.

Die Fragen stellte Marcello Berni.

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