Nachgefragt: Ursula von der Leyen
„Eine leise Revolution in den Firmen“

Unternehmen, die sich auf Familie nicht einlassen, wird der Markt bald gnadenlos abstrafen, prophezeit die Bundesfamilienministerin.

HANDELSBLATT: Frau von der Leyen, Sie haben sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Fahnen geschrieben und viel bewegt. Tun Unternehmen genug für Mitarbeiter mit Familie?

Von der Leyen: Wir können und müssen da noch besser werden, aber ich spüre deutlich ein Umdenken in innovativen Firmen. Diese Trendsetter wissen: Familienbewusstsein ist ganz entscheidend, wenn sie heute Fachkräfte halten und morgen noch am Markt sein wollen. Wer in guter Balance zwischen Familie und Beruf seine Kinder erziehen oder ältere Angehörige pflegen kann, bringt auch dem Unternehmen Rendite. Denn er ist loyaler und leistungsbereiter. Unternehmen, die sich auf Familie nicht einlassen, wird der Markt bald gnadenlos abstrafen. In einer GfK-Studie sagten 80 Prozent der befragten Fachkräfte von 25 bis 40 Jahren: Ist mein Job mit Familie nicht vereinbar, dann suche ich einen anderen.

HANDELSBLATT:Heute gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit, doch keinen Anspruch auf die alte Vollzeitstelle, wenn die Kinder flügge sind. Verdammt dies nicht vor allem Mütter zu Teilzeit bis zur Rente?

Von der Leyen: Es ist eine deutsche Krankheit, Teilzeit als weiblich und als Nebengleis zu definieren. Niederländische oder skandinavische Unternehmen setzen Teilzeit längst flexibel und als vollwertige Karriereoption ein. Dieser Weg ist wirtschaftlich klüger als nach dem Gesetzgeber zu rufen. Fatal wäre, wenn sich eine im Gesetz festgeschriebene Rückkehroption auf Vollzeit zum Bumerang entwickelte, der vor allem junge Frauen trifft.

HANDELSBLATT:Setzen die Arbeitgeber „Familie“ nicht häufig mit „Müttern“ gleich und tun dies als reines Frauenthema ab?

Von der Leyen: Leider noch zu oft. Aber in den Firmen spielt sich gerade eine leise Revolution ab. Mit großer Dynamik nehmen mittlere Führungskräfte Vatermonate. Die Unternehmen lernen: Kinder sind ein Thema, das beide Elternteile betrifft, und eine Bereicherung für das Unternehmen, weil sie Qualitäten wie Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit und Flexibilität fördern. So stieg nach dem ersten Jahr die Zustimmung der Unternehmen zu Vatermonaten von 40 auf 61 Prozent.

Die Fragen stellte Katrin Terpitz.

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